Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 sonders durch Psalm 137 bezeugt, der aus der Zeit des babylonischen Exils von den Psalmen als von einer damals schon bestimmten Liedergattung und Liederform ypx 'n vo, spricht. Eine solche Gattung besteht nicht blos in einer gleichen Form, sondern auch in einem ähnlichen Gedankengang. Die Psalmen setzen nun allerorts die Ueberzeugung von der göttlichen Vergeltung, vom gerechten Gerichte Gottes voraus, und mit Recht ist daher ein kurzer Spruchpsalm an ihre Spitze gestellt, um gleichsam ein für alle Mal den Boden festznstellen, auS welchem alle. Psalmen erwuchsen, ein Psalm, der den Bestand der Gerechten und den Untergang der Frevler durch die göttliche Vergeltung ausspricht. Der Psalmist fühlt sich stets als ein treuer Bekenner und Diener Gottes, und, wenn er auch vor Gott sich sündig und schuldvoll weiß, und in diesem Bewußtsein Neue und Zerknirschung empfindet und Gott um Vergebung seiner Sünden anfleht, so weiß er sich doch den Menschen gegenüber um feiner Treue an Gott willen als der Gerechte, als Frommer und Schuldloser; seine Feinde sind Feinde Gottes, Feinde des Guten, Uebelthäter, Männer der Lüge und der Gewaltthat. Wie er daher Gott zu seinem Schutz und zu seiner Rettung anruft, so sieht er in seinem Leiden das Unterliegen des Gerechten, gegenüber der Obherrschaft und dem Trotze der Sünder. 2hm ist daher dieses Leiden ein Aufschub des göttlichen Gerichts, ein Zögern, ein Fernbleiben Gottes und seiner strafenden Gerechtigkeit (35, 17). Wir begegnen daher in den Psalmen häufig dem Aufruf au Gott zum Gericht, das er doch verheißen und welches seine Gerechtigkeit nothwendig macht (7, 7. Pf. 10. 28, 4). Dieser Aufschub strafender Gerechtigkeit hat, nach dem Psalmisten, eine zweifache schlimme Folge, zuerst daß die Frevler, weil es ihnen glückt, „die Männer dieser Welt, die ihren Bauch mit Gottes Schätzen füllen, viele Söhne haben und ihren Enkeln Ueberfluß hinterlassen" (17,-14), zur Läugnung Gottes und feines Gerichtes gelangen und darin bestärkt werden (Pf. 10. 14. 53. 73.), dann aber auch, daß in ihren schweren Leiden die Gerechten leicht zu Zweifeln verleitet (31, 23), ja selbst schlecht werden können (125, 3). Wir sehen hieraus, daß die Psalmisten aus dem eigenen Bewußtsein und den Erfahrungen des Lebens heraus anerkennen, daß im Leben die Bösen oft viel Glück erfahren, während die Gerechten leiden, ja lang und viel leiden (34, 20). Allein, dies erschüttert ihre felsenfeste Ueberzeugung von der gerechten Vergeltung Gottes nicht im Mindesten, Nicht blos über die Individuen, sondern auch über „alle Völker, die Gottes vergeffen", kommt die göttlich Ahndung (9, 18. 96, löi 98, 9). Es kann nicht bezweifelt werden, Gott segnet den Gerechten (5, 13), gewährt Strafe und Lohn (Psalm 11), ist gütig gegen den Guten und verfährt gegen den Uebelthäter nach dessen Verdienst (18, 26), und mögen der Leiden des Gerechten noch so viele und so lange sein: aus allen rettet ihn Gott, wahrend die Uebelthäter untergehen (34, 2v). „Einen richtenden Gott giebt eS auf Erden, und der Gerechte wird sich freuen, die Ahndung zu schauen" (58, 11, 12). Nicht selten wird daher auch in den Psalmen das göttliche Gericht als vollzogen gefeiert (Psalm. 9, besonders B. 5). Auf welche Weife wird nun diese Lebenserfahrung erklärt und mit der göttlichen Gerechtigkeit in Uebereinstimmung gebracht? Zunächst wird eben darauf hingewiesen, daß Gott (in seiner eigenen Freiheit und in der Freiheit, die er dem Menschen gewährt hat und unverkürzt bewahren will) nicht nach jeder That Strafe und Lohn eintreten läßt, sondern daß über die Ausgleichung durch die göttliche Vergeltung immerhin eine längere Zeit verfließt, daß die Gerechtigleit Gottes zur bestimmten Zeit eintritt (75) so daß, wenn wir uns nach einer längeren Zeit umschauen, die Gerechtigkeit GotteS sich unzweifelhaft bewährt hat. Dies ist die Ueberzeugung, die stets aus einem längeren Leben gewonnen wird (37, 25), und der einsichtsvolle Greis bezeugt dies am Emde seines Lebens (71). Wenn daher Uebelthäter auch „sprießen und blühen," es ist ihnen damit nur die Zeit gewährt, entweder umzukehren oder sich in ihren Lastern zu entwickeln, so daß sie erst recht für das Verderben bestimmt sind, während die Gerechten noch im Greifenalter blühen und für sich und die Geschlechter nach ihnen saftvolle Früchte zur Reife bringen (92). Die Leiden aber, die dem Gerechten begegnen, dienen ihm zur Prüfung und Läuterung, und zu diesem Zwecke schickt sie ihnen Gott zu (66, 10), das Ziel ist „im Lichte deS Lebens zu wandeln" (56, 14), zuletzt erscheinen dem Frommen die Schläge, die ihm vom gerechten Gotte zukommen, als Huld (141, 5), so daß er für die Bedrängniß, die ihm geworden, Gott Dank darbringt (118, 21). Hierbei wird auch hervorgehoben, daß da- Wenige des Gerechten besser ist als viel Gut deS Frevlers, das Geräusch von sich macht (37, 16), und wiederholt wird deshalb davor gewarnt, sich über daS Glück des Bösen zu entrüsten, da es weder wahrhaft, noch dauernd ist (37). Da ruft der Psalmift uns zn