Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Schriften übrig geblieben, theils einige Jahrhunderte über den jüngsten dieser Propheten herab. In ihnen offenbart sich unS daher Vieles aus dem wirklichen Geistesleben des ganzen Volkes, und die in diesem vorhandenen Ansichten kommen zu lebendigem Ausdruck. Für die Lehre, welche wir hier behandeln, haben aus jenen Schriften die Psalmen, die Sprüche, Hiob und Koheleth besondere Wichtigkeit.' Wenn die Propheten die Vergeltungslehre besonders vom nationalen Standpuncte besprachen, und wie zunächst Israel durch Abfall zum Heidenthume und sittliche Entartung dem göttlichen Strafgerichte anheimfalle, durch dasselbe geläutert und darauf wieder hergestellt werde, dann aber auch alle Völker wegen ihres götzendienerisch-unsittlichen Verfalls, wegen der von ihnen verübten Gewaltthaten und der in ihnen vorwaltenden Selbstüberhebung von der göttlichen Vergeltung getroffen und nur in Resten, die sich der Gotteserkenntniß eröffnen, gerettet werden — so haben es die Hagiographen höchstens in einigen Psalmen mit diesem Gedankengange zu thun, sondern beschäftigen sich vielmehr mit dem Individuum, und der an diesem -sich vollziehenden Vergeltung. Hier waren nun folgende Entwickelungen vorsichgegangen. Aus dem, in der mosaischen Lehre ausgesprochenen Gedanken, daß die Schuld früherer Geschlechter sich an den spateren, sobald sie in dem Unrecht und Abfall der Vater fortfahren, räche und sühne, hatte sich im Volke zur Zeit der großen nationalen Mißgeschicke die Meinung gebildet, als ob unbedingt die Söhne und Enkel für did Sünden der Väter zu büßen hätten, und das lebende Geschlecht suchte sich hinter dieser Rechtfertigung zu schützen und seine eigene Entsittlichung damit zu verbergen. Hiermit war aber die göttliche Gerechtigkeit von vollen Zweifeln angefressen, denn man mußte sich fragen: wie kann diese Gerechtigkeit herbeiführen oder zulassen, daß die schuldlosen Kinder für die Verbrechen der Vater leiden sollen? Wir sahen daher schon, daß der Prophet Ezechiel den entschiedenen Gegensatz aussprach und sanctionirte, welcher gewiß auch vor ihm sich schon Bahn gebrochen, nämlich, daß ein Jeder nur für das eigene Vergehen die Strafe, für das eigene Verdienst den Lohn erhalte, der Vater aber nicht für den Sohn, der Sohn aber für den Vater einzustehen habe. Hiermit war aber auf die göttliche Gerechtigkeit angewandt, waS für die menschliche Gerechtigkeit ein unumstößliches Princip ist, und bereits (5 Mos. 24, 16) ausgesprochen worden, wahrend doch sicherlich jene mit dem Maßstabe dieser nicht zu messen ist, und allerdings die Erfahrung lehrt, daß im Guten wie im Bösen die Handlungen der Aeltern auf das Geschick der Kinder vielfach einwirken, noch dazu, wenn das folgende Geschlecht nicht die Kraft besitzt, sich von der bösen Richtung seiner Vorgänger frei zu machen. Diese Ändividualisirung ging aber noch einen Schritt weiter, indem sie die 'göttliche Vergeltung je von der gegenwärtigen Stimmung und Handlungsweise des Individuums abhängig machte; und noch weiter, daß jede einzelne That ihren Lohn oder ihre Strafe empfange, von wo aus dann der Rückschluß nahe lag: daß Jeder, dem es gut ergehe, ein Gerechter, dem es übel ergehe, ein Sünder sei, so daß der Glückliche zugleich ein Zeugniß seiner Tugendhaftigkeit,' der Unglückliche eine Brandmarkung feiner, wenn auch geheimen Lasterhaftigkeit, mit sich trug. Hiermit war die göttliche Gerechtigkeit geradezu in ein, innerhalb der engsten Grenzen bestehendes Rechtsinstitut, in einen menschlichen Schöppenstuhl verwandelt. Diese rigorose Ansicht hatte, wie wir sehen werden, eine weite Verbreitung, und erstreckt sich in ihren Wirkungen zum. Theil noch bis auf die gegenwärtige Volksanschauung. Sie mußte aber eben darum eine lebhafte Bekämpfung Hervorrufen. Die Erfahrungen deS wirklichen Lebens widersprachen ihr zu augenscheinlich und in dem Bewußtsein zahlloser Leidenden konnte sie nicht anders als durchaus ungerecht und als eine harte Bürde, die sich den Leiden noch hinzugesellte, angesehen werden. Vielmehr stellte sich auf dem Boden dieser Erfahrungen eine Doppelfrage auf: wie ist es zu erklären und mit der göttlichen Gerechtigkeit in Uebereinstimmung zu bangen, daß einerseits gerechte und schuldlose Menschen schwer zu leiden und andrerseits böse und ungerechte Menschen so viel des GlückeS haben? Jene Bekämpfung und die Lösung dieser beiden Fragen bilden einen Hauptgegenstand der von uns angeführten Hagiographen. Die Psalmen sind lyrische Ergüsse des HerzenS. Sie sind daher vorzugsweise 'individuell, und enthalten kein philosophisches Raisonnement, keine durchdringenden Reflexionen, sondern die Empfindungen eines mitten im Leben Streitenden und Leidenden, wie sie sich aus der Volksanschauung im Gemüthe deS Einzelnen zum Ausdruck ringen. Daß sie auf einer solchen Volksanschauung beruhen, erweist sich aus der Gleichheit der Gedanken und Gefühle, welche in den meisten Psalmen vorhanden ist, obwohl sie aus so verschiedenen Zeiten und von so verschiedenen Verfassern herrühren, und wird ganz be-