Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 urtheile und Verirrungen, z. B. der Folter, der Glaudenöscheiterhaufen, der Hexenprocesse u. dgl. lehrt, und für welche, ist einmal die scheußliche Verirrung erkannt, auch das Alter, die Dauer des Herkommens nicht eiutritt. Einer unsrer besten Schriftsteller sagte einmal: Denket nicht sowohl an die Reform der Welt, sondern ein Zeder reformire vor Allem sich selbst, dann wird das Ganze schon von selbst sich resormiren. Und cs ist wahr; in unsrer Zeit haben wir uns viel zu sehr gewöhnt, an Staat und Gesellschaft zu denken, und uns selbst außer Acht zu lassen. Die Prüfung, die wir zu bestehen haben, geht aber nicht blos an die Völker, sondern auch an alle Einzelne, wie wir sind. Warum sollte sie nun nicht auf jeden Einzelnen von uns einen tiefen, läuternden Eindruck machen? Fürwahr, die Herrscher und Mächtigen, die Regierenden und Verwaltenden können aus unsrer Zeit das Bewußtsein der Hinfälligkeit aller Macht und Herrschaft genugsam ziehen, und wie sie vor dem Sturmhauch der Zeit wie Spreu verweht, wenn sie nicht auf Recht und Treue gegründet ist und fortdauert. Dies gilt nicht blos den Herrschern an sich, sondern auch, ganzen Kasten, die sich um die Person des Souveräns oder um ein Princip schaaren, das sie durch Gewaltthätigkeit stützen und erhalten wollen. Aber auch Zhr Neichen der Erde, die Ihr zwar nach alter Weise, aber mehr als je auf Euren Besitz stolz, in der Aufhäufung desselben die Fülle der Macht und des Genusses sähet und übermüthig auf alle anderen Menschenkinder, aus die Bestrebungen des Geistes, aus den Werth der Sittlichkeit, auf die Ansprüche Aller nicht ohne Verachtung blicktet — Zhr habet doch wohl iu diesen Zeiten einschneidend erfahren, wie unsicher, wie sietiv, d. h. wie mehr der Einbildung, als der Wirklichkeit und Dauerhaftigkeit dieser Euer Besitz angehörig ist! Jede Erschütterung bringt alle Bürgschaft desselben ins Schwanken und öffnet einen Abgrund, der Besitz und Credit verschlingt. Doch auch die Wisiensreicheu, die der Forschung obliegen und dem Ausbau der Wissenschaft die Arbeit ihres Lebens widmen, bletben nicht unbetrossen. Zhr Stolz ans ihre Erfolge, ihre Zuversicht zu ihrer Kritik, zur Selbstständigkeit ihrer Gedankenrichtuug, das Bewusstsein ihrer Unentbehrlichkeit, Gefühle, die ans dein Wege, den sie verfolgen, von entscheidender Einwirkung sind, müssen eine scharfe Mahnung erhalten haben. Wie schnell war all' ihre Bedeutung bei Seite geschoben; wie kraftlos stand vor solchen Stürmen all ihr Einftuß, all ihr Ansehen da; wie verlor die Bemühung und der Ersatz ihres Lebens schnell allen Werth! Uttd erging es all' den Zahllosen, welche in die erwähnten Elasten der Menschen nicht gehören, anders? Wurden sie nicht sämmtlich an die Gebrechlichkeit der geordneten Verhältnisse, an die Unsicherheit ihres Erwerbes, an die Hinfälligkeit Derer, an denen ihr Herz hängt und die den Kreis ihrer Familie bilden, oft so schmerzlich, so unersetzlich gemahnt? Was mit Liebe auferzogen, was mit Mühe errungen, durch Fleiß und Sparsamkeit gewonnen, wie ist es Unzähligen hingegangen, ohne Rückkehr, oder erst in weiter Aussicht ersetzbar? Wie viele Tage der Angst und des Schreckens,' wie viele Rächte der Besorgniß und des Kummers sind bei Allen eingekehrt, und wollten nimmer und nimmer weichen? Dies Alles darf nicht ohne bleibende Wirkung auf uns sein; es muß zu einer Prüfung werden, welche läuternd und umgestaltend unsere Seele ergriffen hat. 2a, Gottesfurcht und Sittlichkeit, Wahrheit und Treue, der Adel des Geistes, die Verehrung des Rechtes, die Hochachtung der Erkenntnis, das Streben nach einem religiösen und sittlichen Wandel, einen: gehobenen und veredelten Charakter müsse» sich in uns gestärkt und befestigt haben. Niemand kann ohne diese aus einem Siege Vortheil ziehen, aus einer Niederlage sich erheben; die Wunden können ohne diese nicht heilen, die Verluste nicht vernarben. Was Helsen uns alle umgestalteten Staatseinrichtungen, wenn wir nicht bester, edler, gerechter, gottesfürchtiger, erkenntnißreicher geworden? Vergoldet das Gesäß und besetzt es mit funkelnden Edelsteinen: ist der Wein, der darin enthalten, verdorben, und jeder einzelne Tropfen desselben versauert, wie wäre er genießbar? Dies tritt an uns als unabweisbare Forderung heran: mögen wir ihr zu genügen streben! Die Lehre des Iudenthums von der göttlichen Vergeltung. Ul. 3. Bei den Hagiographen (a-airo). Die uns überlieferten „Schriften," Hagiographen, srmra genannt, reichen theils einige Jahrhunderte über den ältesten der Propheten hinauf, von welchem uns 1*