Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 wesen sein, um solchen Ausgang zu nehmen. Wir haben uns also nicht zu beklagen, und wenn uns das Geschick ähnliche Leiden, wie unsren Vorgängern, wie den frühern Menschengeschlechtern bereitet, so ist es dasielbe Gericht, dieselbe Prüfung. Nur daß wir noch zu einem anderen Schlüsse kommen muffen. Jemehr wir empfinden, daß diese blutigen Kämpfe, diese volkerverheerenden Kriege unnatürlich, unmenschlich, aller Religion und Eultur Hohn sprechend sind; jemehr wir verwundert, niedergcdonnert dastehen, daß solche Geschehnisse in unsrer Zeit noch möglich find: desto mehr erweist es sich, daß die jetzige Menschheit auf dem rechten Wege, aber erst auf dem halben sich befindet; das; wir aüesanunt bereits zur Erkenntnis; gekommen, wie diese Barbarei, diese Entmenschlichung, diese Gottwidrigkeit aus der Menschheit schwinden müsse, daß unsre innern Zustände, aber dieser Erkenntniß noch lange nicht entsprechen, daß wir erst eine, ach, vielleicht nur kurze Strecke dieses Weges zu den höchsten Zielen zurückgelegt haben. Dieser Gedanke muß in uns lebendig bleiben; denn in ihm liegt nickt bloß' die Erklärung des Räthsels, sondern auch die Quelle, aus der wir Much und Vertrauen und Kraft zum weiteren Streben, zum unermüdlichen Eifer auf dein Pfade wahrer Cultur, Gesittung und Religion schöpfen können. Was wir erleb«:, erscheint uns dann als Prüfung, die, so bitter sie auch sei, uns zum Heile, zur Läuterung dienen müsse; wer sich auf halbem Wege weiß, verliert, was ihin auch geschehe, doch nicht die Aussicht, dereinst den ganzen zurückgelegt haben; wir lassen den Faden, der jählings abgeschnitten worden, nicht fallen, sondern heben ihn mnthig auf und knüpfen von Neuem an ihn an. Es geht uns hier nichts an, was sich für die politische Welt aus diesen Kämpfen entwickeln werde, welche die Stellung des siegreichen, nun auch freilich nicht allzufest geeinigten Deutschland sein, wie sich Frankreich aus seinem Verfall, aus seiner Desorganisation und seinen ungeheuren Verlusten und Lasten erheben, wie die bereits geltend gemachten anderen Fragen des europäischen Staatensystems, die Pontusfrage, die Luxemburger, die rumänische Souveränetät, die Stellung des Papstthurns gelöst werden. Wir haben es hier mit anderen, höheren Fragen zu thun. Wäre eS fraglich, daß die europäischen Völker aus diesem mörderischen Kriege mit einem größern Abscheu vor dem Kriege hervorgehen, als je von den Menschen empfunden worden? Uns ist es nicht fraglich. Wer die Empfindungen selbst des siegreichen Volkes mit durchempfunden hat, dem kann es nicht zweifelhaft sein, daß gerade dieses für lange Zeit jeden weiteren Krieg für das höchste Unglück erachten, und sich mit aller Macht von einem solchen fernhalten wird. Und die andern Belker, die nur indirect in Mitleidenschaft sind und die dein furchtbaren Schauspiele Zusehen, gerinnt ihnen nicht das Herzblut bei dem Gedanken, sich in solches Wagniß, in solches Verderben, in solche Verluste, gegen die jeder Gewinn nur unbedeutend und zweideutig ist, zu stürzen? Und mag inan sagen, was man wolle, cs ist nicht möglich, daß die Franzosen anders daraus hervorgehen, als mit einem tiefwurzelnden Widerwillen gegen einen neuen kriegerischen Kampf! Welche Empfindungen des Haffes und des Rachedurstes, des gcdemüthigten Stolzes sie auch hegen mögen, was sie erlebt und erfahren haben, wird als ein warnendes Gespenst vor ihnen stehen, abermals nach einem solchen Taumel- und Wermuthskelche zu greifen. Vielleickt ist es aus diesem Gesichtspunete besser gewesen, daß der Kampf mit der Niederlage bei Sedan nicht aufgehört, daß die französische Nation sich noch einmal zu einem wahren Heroismus aufgerafft hat und den Kamps bis zum Aeußersten sortsetzt. Das Losungswort „Verrath" deckt nunmehr ihre Niederlagen nicht mehr; sie hat ihre äußersten Kräfte erschöpsl und die Greuel des Krieges bis auf den Grund erlitten. Aber ebenso wirkt dieser anhaltende und schwankende Krieg auf die Sieger. Wären diese aus dem Feindesland nach den erstaunenswerthen Siegen in kürzester Zeit heimgekehrt: der Militarismus hätte sich, selbst unbewußt, aus eine kaum erträgliche Weise fühlbar gemacht , und die Selbstüberhebung kein Blaß gekannt. So aber müssen die Führer eingestehen, daß sie ihre Erfolge doch nur den außerordentlichen, heldenmüthigen Anstrengungen des Voltes, der Ausdauer und Tapferkeit desselben zu verdanken haben, die auf dem Geiste und dem Charakter der Nation beruhen, und ohne welche alle Kunst und alles Commando der Führer nichts vermag. Diese Erkenntniß und . dieses, in das Herz des Volkes sich einsenkende Verdammungsurtheil über den Krieg konnte nicht aus den Feldzügen von 1858, 1859, 1801 und 1800 nicht hervorgehen, sondern erst aus einem solchen, wie wir ihn jetzt erleben. Tragen wir diese aber als einen Erfolg deffelben mir davon, so ist ein Großes für die Folgezeit gewonnen. Solche Ansichten und. Richtungen wacksen schnell und werden unüberwindlich, wie uns die Geschichte aller Vor-