Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1866)
- Date
- 1866-12-18
- Page
- Seite 810 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226579--24493-3251855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tn ihm einen zweiten Stahl erwartet Haben sollte, so /hat sie sich sehr geirrt, und bei dem gänzlichen Mangel an Talenten in ihren Reihen würde dies eine bittere Enttäuschung sein. Dafür hat sie einen Mann gewonnen, der zur allgemeinen Erheiterung sehr Vieles beiträgt. Denn sowie er die Rednerbühne betreten und seine ersten.Sätze herausgeschrieen hat, die er mit heftigen Gesticulationen begleitet, erhebt sich ein schallendes Gelächter, das ihm als obligate Begleitung bis zum Schlüsse seiner Rede treubleibt. Er, der getaufte Jude und extreme christliche Pietist, ist der einzige Jude, der in seiner Vortragsweise „jüdelt". Dies zur Charakterisirung; die wirklichen Juden unter den Abgeordneten^ stehen also sämmtlich auf der entschiedenen liberalen Seite. ' Kassel, 1. Dez. Dem Vernehmen nach ist dem Landrabbinen, Herrn vr. Adler, aus Anlaß seiner gelegentlich der allgemeinen kirchlichen Friedensfeier in der hiesigen Synagoge gehaltenen Predigt ein eigenhändiges Dankschreiben Ihrer Maj. der Königin zugegangen. Ebenso ein solches vom Präsidium des Staatsministeriums, an dessen Schluß der Wunsch ausgesprochen ist: „Möchte die Feier überall in dem von Ihnen bezeichneten Geiste stattgefunden haben/' Obermoschel, 2. Dez. (Privatmitth.) Es ist wahr, das neue Normativ für Lehrerbildung in Bayern regelt allerdings diesen Gegenstand auch für uns Juden, in einer Weise aber, die leider darthut, daß wir Juden wieder einmal mit einer Ausnahmestellung bedacht worden sind, die, wenn sie hie und da auch Einzelnen Vortheile bietet, immerhin unangenehm berühren und ein niederdrückendes Gefühl erzeugen muß. Während der Christ die drei Vorhereitungs- und zwei Seminarcurse regelmäßig absolviren muß, wenn anders, wie man richtig annimmt, die Lehrerbildung keine lückenhafte sein soll, bleibt es dem Juden anheimgestellt, ob er die Staatsanstalten besuchen, oder Privatunterricht genießen will, wenn er nur die Austrittsprüfung mitmacht, wobei es zuweilen wunderlich genug hergeht. Ich kenne Leute, die als sogenannte Finalisten bei der Austrittsprüfung nicht im Stande waren, einen Gegenstand zu beschreiben, den Unterschied zwischen vß und Vs nicht anzugeben wußten und doch heute als Lehrer fungiren, mitunter sogar an recht guten Religions- und Elementarstellen. Viele der in Würzburg studireuden Bachurim, die es zum „Rabbiner" nicht bringen, besinnen sich kurz, gehen zur Final-Prüfung,. erhalten ihr Befähigungszeugniß, sind gesetzlich anerkannte Lehrer mit höchst mangelhafter, einseitiger, Bildung und machen oftmals Gemeinden unglücklich.*) Die Normativ-Bestimmungen lassen so, keine Härte gegen uns erkennen, sagen aber mit andern Worten: Mit euch Juden nehmen wir's weniger genau. Ihr dürft nach Belieben verfahren. Und gerade diese Willkür bringt unberechenbaren Schaden und untermischt den bayer. jüd. Lehrerstand mit unlautern Elementen. Hierin wird gewiß Niemand eine Wohlthat und noch weniger eine Bevorzugung erblicken können. In ganz ähnlicher Weise hat's eine Zeit gegeben, wo man den-Juden vom Militär dispensirte — war ge? wissermaßen auch eine Wohlthat, eine Bevorzugung und doch 'zugleich eines der boshaftesten Ausnahmsgesetze, wie es der gründlichste Judenhaß nur eingeben konnte. Nur die Erfüllung gleicher Pflichten kann den Anspruch an gleiche Rechte begründen. Ihr Correspond, kommt im ferneren Verlauf auch auf das Externat zu sprechen, dessen die Israeliten sich zu erfreuen hätten. Auch hierin bin ich anderer Meinung. Wie mancher gering bemittelte jüd. Seminarist würde das Internat, das nichts kostet, dem Externat vorziehen, das seinen Säckel jährlich um 36 fl. schmälert. Israeliten bekommen eben keine Wohnung im Seminargebäude, und wenn es auch an Platz nicht fehlt. So wenigstens wird's im Seminar zu Würzburg gehalten, das ich besucht habe. Mit den Unterstützungen, die hie und da Israeliten gewährt werden, hat's seine eigenen Seiten. Ich.will nur das Eine constatiren, daß wir Israeliten immer zusehen mußten, wie von Zeit zu Zeit Schreibmaterialien zur Austheilung kamen. Jeder bekam, ob arm oder bemittelt. Wir Juden erhielten regelmäßig — nichts. Auch hatten wir das Vorrecht, als Juden allein in einer Bank beisammen zu sitzen. , Zieht man zu dem Gesagten noch in Betracht, daß die. Schullehrer--Seminare in Bayern einen ausschließend christlichen Charakter haben, so wäre es für uns freilich besser, wenn im Königreiche eine gute jüd. Lehrerbildungsanstalt ins Leben gerufen würde.**) So lange es aber an einer solchen *) Das liegt aber dann doch mehr an der sehr laxen Weise, mit welcher die Examinatoren die jüdischen Candidaten prüfen,, als an dem Normativ. Redakt. **) Aus dieser Schilderung geht abermals hervor, wie wenig der Gedanke taugt, daß die jüdischen Lehrer-