Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1866)
- Date
- 1866-12-18
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
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gedenken, in welchen die päpstliche Regierung tausende unsrer Glaubensgenossen schmachten laßt, nachdem der -gegenwärtige Papst die drückendsten Fesseln von ihren wunden Schultern zwar abgenommen, aber nachher zu desto schärferem Schmerze ihnen wieder aufgebürdet hatte; wir brauchen nur jener gewaltthätigen Taufen jüdischer Kinder zu erwähnen, für welche Rom in der letzten Zeit so schreckhafte Beispiele ausgestellt — um unzweifelhaft das volle Recht beanspruchen zu können, den Fall der weltlichen Herrschaft des Papstes wünschen zu dürfen. Endlich ist es wohl unnöthig daran'zu erinnern, daß der Jesuitenorden als das Symbol aller Ausschließungen, aller härtesten Bedrückungen und Verfolgungen für die Juden anzusehen ist; die Zustände, deren Wiederherstellung und möglichste Verschärfung der entschiedene Zweck jenes Ordens ist, wären für die Bekenner des Judenthums das tiefste Elend und ein unerträgliches Joch. Demungeachtet ließen wir aus obenangegebenen Gründen jede Gelegenheit vorübergehen, die uns zur energischen Bekämpfung jener unsrer Feinde genügend veranlassen konnte. Jndeß nützte dies den Juden wenig. Allerdings machen wir es unfern Gegnern nicht zum Vorwurf, wenn sie kein Gewicht darauf legten, daß in Paris zwei Juden zu den lebhaftesten Verteidigern der päpstlichen Herrschaft gehören, daß Herr Cohen in der „France“ sein stylistisches Talent für die Erhaltung des Kirchenstaates verwendet, Herr Mires in seinem Journale „1a. Presse“ die Federn bezahlt, welche gegen Italien und die Römer zu Gunsten der weltlichen' Herrschaft' des Papstes donnern. Diese Herren thnn dies, nicht weil sie Juden sind, sondern obschon sie Juden sind und werden von ihren Glaubensgenoffen für ihre Bestrebungen nicht geachtet. Wie dem nun aber auch sei, die Vertheidiger der päpstlichen Herrschaft und des Jesuitenordens verschreien alle diejenigen, welche gegen diese beiden schreiben und agitiren, als Juden. Äudenjungen, Judenliteraten, Judenblätter sollen es sein und ganz allein diese, welche die weltliche Herrschaft des Papstes als unangemessen und veraltet und für die katholische Kirche unnöthig, den Jesuitenorden als gefährlich, das österreichische Concordat als bedrückend ausgeben. Freilich ist nichts lächerlicher und die Lüge, die in diesen Behauptungen enthalten ist, springt Jedwedem in die Augen. In dem Gemeinderathe zu Wien, der gegen die unbeschränkte Aufnahme flüchtiger Jesuiten petitionirt, sitzen nur wenige Juden, die sich bei den bezüglichen Verhandlungen ganz schweigsam verhielten. Diejenigen Elemente, 'welche in Prag gegen die Jesuiten in handgreifliche Aufregung geriethen, sind wahrlich nicht judensreundlich. Und endlich sind gleiche Proteste aus Steyermark und selbst Tyrol gekommen, wo. es gar keine Juden giebt und ihre Einwirkung^ gewiß perhorrescirt würde. Alle Unglücksfälle, welche im letzten Jahrzehend dem päpstlichen Stuhle begegnet sind, können auch nicht in der entferntesten Weise auf eine jüdische Quelle zurückgeführt werden. Mit Ausnahme einiger ultramontanen Blätter ist die gesammte europäische Presse einig in der Verurteilung des Non possumus, und behauptet die Unmöglichkeit, daß der römische Staat bestehe, solange das römische Regiment daran festhält. Welche Frechheit, aber auch welche grenzenlose Verblendung gehört dazu, die gesammte europäische Presse unter die Führerschaft der Juden stellen zu wollen und diesen die Herrschaft über jene zu vindiciren! Soeben erhielten wir eine Broschüre „Jesuitische Mohrenwäsche von F. W. Koffuth." Sie wurde uns unmittelbar zugesandt. Aber der Verfasser ist kein Jude; er ist ein christlicher Pfarrer, amkirend in Wirschweiler. Aber provozirt von einem Vertheidiger der Jesuiten, giebt er eine reiche Auslese von Sentenzen aus den angesehensten und mit voller Autorität bekleideten Moraltheologen des Ordens, welche für die größten Verbrechen, für Lüge, Meineid, Diebstahl, Unzucht, Mord Rechtfertigungen aussprechen, bei denen uns die Haare zu Berge stehen. Die Citate sind auf's genaueste angegeben, Buch, Kapitel und Paragraph. Es ist dies nichts Neues, aber es überrascht immer von Neuem, und drückt das - sittliche Gefühl auf's äußerste nieder. Aber gehören denn die Angriffe auf die weltliche Herrschaft des Papstes und auf die Jesuiten allein unserer Zeit an? Haben nicht schon seit Jahrhunderten, zu einer Zeit, wo die Juden der allgemeinen Literatur und der Tagespresse noch so fern standen, wie wenn sie in. den amerikanischen Urwäldern lebten, die bedeutendsten Schriftsteller sich gegen jene ausgesprochen, und was hätten wir Juden für Theil hieran? Jüngst wies Jemand in der Wiener „Presse" nach, daß der katholischeste aller Dichter, dessen Werk die Katholiken selbst „göttlich" nennen, Dante in seiner Komödie, gegen die weltliche Herrschaft des Papstes in unumwundenster Weise losgefahren, und fragte die ultramontanen Blätter, ob sie auch Dante für einen Judenliteraten ausgeben wollten? Es versteht sich von selbst, daß weder der „Monde" an der Seine noch die „Kirchenzeitung" an der Donau ^wirklich glauben, die Juden bildeten auch nur einen ir-