Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1866)
- Date
- 1866-11-13
- Page
- Seite 735 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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MMM! 735 den übrigen Gästen behandelt wurden. Auch statteten der Gouverneur und mehrere Würdenträger einen Besuch der Synagoge ab, und bezeugten ihr Gefallen am Gottesdienste. Correspond enz. Der Prozeß betreffs der Judenverfolgungen in Böhmen. Pisek, 22. October. (Pr.) Ein fanatischer Haß gegen die Juden, Verfolgungen und Plünderungen derselben in mehreren Städten Böhmens, traten bekanntlich im Frühjahre des heurigen Jahres so ernst und unter so strafwürdigen Umständen auf, daß , sie im In- und Auslande das peinlichste'Aufsehen erregten. Der Schauplatz der ärgsten Gräuelscenen war bekanntlich am 12. März 18-66 das Städtchen Schütten Hofen, und als der Theilnahme an denselben derdächtig wurden 106 Personen gefänglich eingezogen; 32 von ihnen hatten gegen den gefaßten Anklagebeschluß den Necurs eingebracht, der seiner Erledigung noch harrt, indeß gegen die übrigen 64 Angeklagten heute im Gerichtshause zu Pisek die Schlußverhandlung begonnen hat, die zur Enthüllung mancher Dinge, die man am liebsten hätte vertuscht haben wollen, zu viel beitragen wird, als daß sie in ihrem Verlaufe nicht aufmerksam verfolgt werden sollte. Die Verhandlung beginnt um halb 9 Uhr Morgens. Es werden zunächst achtzehn Angeklagte verschiedenen Alters, darunten sechs Weiber, in den Saal geführt, später neun Männer und elf zumeist junge, drolle Frauenzimmer; dann werdm von Gendarmen noch weitere fünfzehn Angeklagte in den Saal geleitet. Der Schriftführer ruft in deutscher und czechischer Sprache den Fall aus. Es handelt sich um Verbrechen des Aufruhrs, des Raubes, der öffentlichen Gewaltthätigkeit, körperlicher Beschädigung, Diebstahls und Vergehen des Auflaufes. Dicht gedrängt stehen die Angeklagten im Saale; ihr rohes Wesen, das nur mühsam die innere Erregung zurückhält, macht den unangenehmsten Eindruck; ein kleiner buckliger Mensch macht, hinten stehend, ganz laut seine Glossen über einige die Verhandlung einleitende Bemerkungen des Präsidenten, Herrn Ländesgerichtsrath Gamsenberg, eines greisen, würdigen Richters. Ein langer Mensch Mit -unheimlich blitzenden Augen und einem pechschwarzen langen Barte, dann ein vierschrötiger ziemlich alter Bursche mit einem von Blattern zerrissenen Gesichte ragen aus dem Haufen der Angeklagten hervor. Der Sachverhalt ist seinerzeit ausführlich in allen Blättern erzählt worden; indeß müssen wir ihn hier behufs Klärung des Falles nach den Ausführungen des Staatsanwalts, Herrn Nechansky, zum Theil wiedergeben: Das Städtchen Schütten Hofen zählt gegen 4000 Einwohner, darunter 200 Juden. Gegen diese hatte sich schon früher eine feindliche Gesinnung gezeigt, die im März dieses Jahres durch den Pribramer Silberdiebstahl an dem sich auch Juden betheiligt haben sollten, und durch die Judenverfolgungen zu Hostomitz und Horzowitz noch mehr genährt wurde, so daß schon am 6. und 10. und in der Nacht zum 11. März den Juden in Schüttenhofen die Fenster eingeschlagen wurden und sich „Stribro"- Rufe und starkes, gellendes Pfeifen in den Gassen hören ließ. Am 12. sollte der Jahrmarkt abgehalten werden. Der Bezirksvorsteher befürchtete, trotz der wiederholten Versicherung des amtirenden Gemeinderaths, er werde schon für Aufrechierhaltung der Ruhe sorgen, dennoch Ausschreitungen, und ließ deßhalb aus den benachbarten Bezirksämtern die Gendarmen kommen, so daß am Jahrmarktstage sich sieben Gendarmen und drei Communalwachmänner in der Stadt befanden. Der Vormittag verlief, außer Pfeifen und lautem Schmähen der Bevölkerung gegen die Juden, ohne erhebliche Störung.. Um 2 Uhr Nachmittags stellte sich ein junger Bursche, der Sohn eines dortigen Binders, am Marktplatze knapp vor einem Gendarm hin und begann laut zu pfeifen. Der Gendarm verwies ihm dieses, worauf der Bursche keck erwiedert: „Was habt Ihr zu befehlen, Ihr hält's so mit den Juden und Dieben!" Der Gendarm arretirte den Burschen und sperrte ihn im Amtsgebäude ein, worauf in den auf den Platz mündenden Gassen ein mörderisches Geschrei entstand und eine Volksmenge sich um das Amthaus zusammenrottete, so daß der Bezirksvorsteher den verhafteten Burschen wieder freiließ. Das Volk nahm den Befreiten johlend in die Mitte und nun begann die eigentliche „Judenhetze". Um 4 Uhr Nachmittags drang ein Volkshaufen in das Haus des Lazar Fürth, zerschmetterte und vernichtete daselbst Vieles, die transportablen Effecten wurden davongetragen; der gerichtlich erhobene Schaden beläuft sich in diesem Hause auf 576 fl. 60 kr.