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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-11-13 · Heft 46 (13.11.1866) · p. Seite 729

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 46 (13.11.1866)
Date
1866-11-13
Page
Seite 729 (sequence 7)
Language
German
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729 Es wird ein Solcher schön mehr als einmal die; dem „Zeitgeiste" vorzuschreiien, ist- „Reformer" von Bemerkung gemacht haben, was für eine heillose Verwirrung von Anschauungen und Ansichten an's Tageslicht zu kommen pflegt, wenn eine Gemeinde Lei der Wahl eines Rabbinen, Prediger's, Lehrers u. s. w. ihre Urtheilsfähigkeir äußernsoll: sowohl was den Beruf selbst betrifft über Umfang, Wesen und Beschaffenheit desselben, als' auch in Bezug auf die Person eines zu Berufenden über Ansprüche und Anforderungen, welche att diese gestellt werden müssen — so daß schließlich nach fruchtlosen Debatten und 'verzweifelten Kämpfen die Grundsätze «ganz fallen gelassen wurden und der -purste Zufall, eitle Aeußerlichkeit die Entscheidung ausspricht. Dem Fernestehenden erscheint die Besümmung räthselja fabelhaft — „man wurde nicht einig" muß chm alles erklären!: Vor Jahren, wenn es galt, einen Rabbinen zum geistlichen Oberhaupt der Gemeinde einzusetzen, da suchte man einen Mann, der einerseits als gediegener Character seit jeher sich bewährt hatte, und andererseits die ihn zu seinem Berufe befähigenden Kenntnisse in der cheologischen Wissenschaft besaß — man war' also im PriNcipe einig; was der Rabbiner sein soll, darüber konnte unmöglich ein Zweifel auskommen, nur darüber höchstens, was der zu Erwählende sei. Damals' wählte man den Charakter und den gelehrten Theologen. Ganz anders heutzutage! Nimmt eine jüd. Gemeinde einen Seelsorger auf, so ist es einmal der geistreichthuende Phrasenheld, der affectirte SchLngeistler, ein' ander Mal der blendende Titel, das Einnehmende des Aeußeren, das liebreiche savoir vivre xmb ähnliche Umstände von ganz untergeordneter Bedeutung, die den Ausschlag geben; gilt es einen Lehrer der Schüle zugewinnen, so heimst man die Segnungen schöner Zeugnisse und - Empfehlungen ein. Da wird nicht gefragt : vor Allem ist der Mann denn wirklich „ein Mann", ein Mann von Grundsätzen, von Ueberzeugung und Consequenz, und weiter: ist er auch ein „ehrlicher" Mann, ehrlich in seinen Gesinnungen, im Streben und Handeln, und endlich: besitzt er jenes tiefe Verständniß des Judenthums und seiner historischen Entwickelung, die in Verbindung mit einem allgemeinen Wissens-ünd Bildungsgrade, eine seinem Berufe unentbehrliche Klarheit der Geschichts- und Lebensanschaüung ihm verschafft? Dagegen macht sich die jedesmal in ähnlicher Gestalt curfirende Phrase; das Schlagwort in seinem Lapidärstil breit; da heißt es : Der Mann ist „conservativ", gehörte stets der „Stabilität" an, oder:- er weiß mit reinstem Wasser, bedeutender „Philosoph", auch im' „Jüdischen" (Cumulativbezeichnung der Wissenschaft des Judenthums) höchst gelehrt u. s. w.! Negativ find die Ursachen dieses Uebelstandes; die Bodenlosigkeit und Verworrenheit des Anschauungskreises in religiöser Beziehung gibt den üppigen Boden her, auf dem das Unkraut der Charlatanerie wild aufschießt. : " Sehen wir uns nun nach den Einflüssen um, die das'! Wachsthum dieser Giftpflanze wohl befördern mögen!! Wer kennt es nicht, das mächtige Doppelgestirn der Reclame und Protection, unter dessen Strahlen schon viel Unheil groß gewachsen? Auch diese beiden Uebel,!die bekanntlich eines ziemlich hohen Alters sich rühmen können und gleichfalls noch-in ihren Blüthejahren . stehen, haben festen Fuß gefaßt im Innern des jüd'. i Lebens, und ein breites Terrain sich erobert. ' Was Wunder dann, wenn unter solchen Verhält- - nissen Individuen, die Energie und Raffinirtheit genüg ' l besitzen) so verlockende Umstände gehörig aüszübeüten, l im Bewußtsein ihrer' vielvermögenden Jmponirungsta-' i lente, im Bunde mit den Großmächten Protection und! Reclame den Weg in die weite Welt antreten; was' Wunder, wenn es ihrem Ungestüm gelingt, auf die Oberfläche sich emporzuschwingen, und auf den Wässern des öffentlichen Lebens dann große Wellen zu schlagen! ' Man sieht urplötzlich Leute auftauchen, die einem Berufe sich zugewendet, zu dem sie weder die gehörige Befähigung noch den unentbehrlichen Fonds von Chä- > racterfesttgkeit haben ,; man hört, wie Individuen, die nie jemals eine „Richtung",, oder höchstens irgend einen : Nonsens von „Richtung" gehabt, dem lieben Erfolge : zu Liebe zu Maulhelden: der ' extremsten Parteien sich aufwerfen und eine neue „Richtung" sich fabriciren, in die man sich dann zum Beweise seiner Energie uud Consequenz ordentlich „verbeißen" muß. So wird der Mann durch einmaliges Gelingen in der Idee bekräftigt, daß er zu was Großem eigentlich geboren sei, und Nün werden alle Mittel aufgewendet, alle Hebel in Bewegung gesetzt zur Erreichung der kühnsten Ziele. Aber mit der Unlauterkeit der Bestrebungen wächst die Unlauterkeit der Mittel, die unehrliche Handlungsweise, - aus der man kaum mehr herauskommt, muß nach öfterer Uebung als harmlos und selbstverständlich erscheinen, mit der Devise) „Erringen um jeden Preis" geräth man glücklich aufs hohe Roß, und von da aus ist dann gut lachen über all' die armen Schlucker, die vor lauter'

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