Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-11-06 · Heft 45 (6.11.1866) · p. Seite 718

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 45 (6.11.1866)
Date
1866-11-06
Page
Seite 718 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226573--24393-3251749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

natsschrift" liefert uns' einen neuen Beleg dazu. In demselben befindet sich ein Aufsatz von W. Müller, Pastor zu Sauken: „Zur Charakterisirung des mod er'nen Judenthums." Auf den 16 Sellen dieser Arbeit finden wir kaum etwas Anderes, als den auf dem Felde der Kreuzzeitung ausgewachsenen und hier wieder bis zum Ueberdrüß aufgewärmten Kohl vom „orthodoxen und vom Reform-Judenthum" aufgetischt; im Grunde aber will Herr Müller uns nichts anderes sagen, als daß er mit Dr. Geiger in dessen Vorlesungen über „das Judenthuw und seine Geschichte" und mit vr. Philipps on (Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums") hinsichtlich des Glaubens an die Mission Jesu und über das Messiasreich nicht einverstanden sei (was wohl Niemand bezweifelt), und es gipfelt sich der Inhalt der ganzen Arbeit in der großen Entdeckung, „eine völlige bürgerliche Gleichstellung von Juden und Christen sei als die unglücklichste (!) Lösung der Judenfrage anzusehen." — „Man gewähre den Juden eine beschränkte Emancipation, man gebe ihnen Passive Rechte, aber keine active, private aber nicht offizielle, bürgerliche aber nicht staatliche." *) — „Der natürlichste und einfachste Weg zur Lösung der Judenfrage wäre für die Christenheit allerdings die Christianisirung der Juden." (!!) O weiser Solon! Diesen „natürlichsten und einfachsten Weg" haben bereits vor etlichen Jahrhunderten schon Torquemada und die Inquisition mit einer nicht zu verkennenden Energie einzuschlagen versucht; aber er ist ihnen ebenso wenig gelungen, als es den „mehr denn 60 Missionären, die gegenwärtig in Europa an den Seelen ihrer Brüder nach dem Fleische *) Dazu macht die.Redaktion der „Baltischen Monatsschrift" selbst die Anmerkung: „Eine, unseres Ermessens, selbst für Kurland unhaltsame Distinktion; denn wie könnte und wie dürfte man die dortigen Juden z. B. von allem Antheil an der Communalverwaltung — auch in Städten, wo sie die Mehrzahl der Einwohnerschaft bilden 7— ausschließen wollen? Wenn aber der Herr Berf. seinen Satz im allgemeinen Sinne nehmen sollte, so handelt es sich dabei um nichts Geringeres, als daß die Franzosen ihren die Synagoge besuchenden Finanzminister, und die Stadt London ihren, wir wissen nicht, ob reform- oder orthodox-jüdischen Lordmayor abdanken und ihnen dergleichen auch für die Zukunft gelegt werde. Das aber wäre nichts Anderes, als eine rückwärts gewendete Utopie!" — Und, bemerken wir hinzu, gleiche Gründe könnte das orthodox-griechische Czarenthum gegen seine römisch-katholischen oder protestantischen Unterthanen hervorsuchen und anwenden! — arbeiten", gelingen wird?) Da wüßten wir denn doch noch einen „natürlicheren und einfacheren" Weg, die Juden ganz für die bürgerliche Gesellschaft zu gewinnen, einen Weg, welchen Frankreich schon sehr lange in Algier, und der russische Kaiser in neuester Zeit einzuschlagen versucht, die Inden nämlich als Vermittler und Pionniere der Cultur in bisher noch uncultivirten Ländern zu verwenden. „Man muß es offen aNssprechen" (sagt ein genauer Kenner Algeriens): „überall in diesen Gegenden sind die Juden die besten Helfer am Civilisationswerke; durch Handel und Verkehr gelangen sie mit leichter Mühe dahin, wo eine Menge unüberfteiglicher Hindernisse anderen Kundschaftern den Weg versperrt, und ihre Wünsche, ihre Interessen und ihr Glaube ziehen sie zum Lichte hin. Dieses hat sich in Algerien wie in anderen Gegenden bewahrheitet; die Juden sind die besten Vermittler wahrer Civilisation." Und dieser Weg, welchen Rußland in seiner neuesten Gesetzgebung durch gute Schulen und freiere Presse anbahnt, er wird kein fruchtloser sein. Kln. Wilna, 8. Oct. Die in Paris erscheinende „Patrie“ vom 24. Octbr. enthält folgende Correspondenz, für deren Richtigkeit wir, da uns über den Inhalt unmittelbare Zuschriften fehlen, nicht einstehen können: „Die Israeliten werden von einer schrecklichen religiösen Propaganda bedroht, die von den localen Behörden sehr begünstigt wird. Es hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche nichts weniger beabsichtigt, als die, seit mehr als acht Jahrhunderten in diesem Lande wohnende jüdische Bevölkerung herauszujagen und sie nach' dem Kaukasus oder an die Ufer des Amur zurückzudrängen. Das Journal de Vilna, das Organ dieser Gesellschaft, geht so weit zu sagen, daß man das Land von diesem Aussatz reinigen, und die Juden bekehren oder sie ausrotten - muß. Dies Journal erhält offizielle Ermuthigungen. Der General Kauffmann, Gouverneur dieser Provinz, hat den Behörden und selbst den Familienhäuptern eingeschärft, darauf zu abonniren; er hat den Schullehrern die . Ordre gegeben, *) Zur besseren Orientirung über die thatsächliche Wirksamkeit der Missionäre verweisen wir Herrn Müller auf das Werk: „Pietismus und Christenthum im Spiegel der äußeren Mission", von E. F. Langhaus, Pfarrer in' der Waldau bei Bern, 1864; und „Pietismus und äußere Mission vor dem Richterstuhle ihrer Bertheidiger", von demselben Vers. (Leipzig 1866.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.