Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1866)
- Date
- 1866-11-06
- Page
- Seite 717 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226573--24392-3251748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WMWHMU Hl in der Stadt ergriffen hatten, auch hier mit Umsicht gegen die Excedenten' einschritten und ein Umsichgreifen der Gewalt verhüteten. Obwohl nun am Abend des Versöhnungstages vor allen Synagogen Sicherheitswachen ausgestellt waren, so hielt man es doch für gerathen eine allzustarke Anhäufung von Personen in den engen Straßen der Josephstadt zu vermeiden und den Abendgottesdienst möglichst abzukürzen. Der weibliche Theil der Andächtigen wurde daher an diesem Abend in den Synagogen fast gänzlich vermißt, der Gottesdienst wurde ans die Hauptbestandteile beschränkt. Es verlief, Gott sei Dank Alles aufs beste, yan y« hmas y»i dnä*» „Kein Einbruch, kein Abgang, kein Geschrei war in unseren Gassen." Hoffen wir, daß Gottes Schutz uns ferner beistehe, hoffen wir besonders, daß der intelligente Theil unserer Bevölkerung seinen Einfluß auf das Proletariat geltend mache. Wahr ist es, die Noch ist groß, und droht noch größer zu werden. Noch immer fließen die Erwerbsquellen, nach solange unterbrochener Thätigkeit, spärlich, die Nahrungsmittel sind knapp und sehr cheuer, Krieg und Cholera haben vielen Familien den Brodschaffer geraubt und eine große Zahl erwerbsunfähiger und doch hungernder Menschen zurückgelassen. Es geschieht, was nach menschlichen Kräften möglich ist, um der Noch vorzubeugen und abzuhelfen, und die Juden sind wahrlich nicht die letzten, welche zu redlichem Verdienst verhelfen und den Mangel abwehren. Gar manche jüdische Familie beschränkt die eigenen Bedürfnisse auf ein Mindestes, um nur den Arbeitern und Geschäftsaushelfern, deren sie gar nicht bedürfen, den Arbeitslohn nicht zu entziehen. Von den Bürgern im Ganzen wird das auch anerkannt, und wenn nur der religiöse Fanaüsmus, der leider im Blühen des Gewerbfleißes überhaupt eine Beeinträchtigung seines Einflusses sieht, nicht die Oberhand gewinnt; so wird die Leidenszeit vorübergehen, ohne die Bewohner Böhmens. mit Verbrechen und schmachvollen Ausschweifungen zu belasten. Bessere Zeiten werden kommen, wenn gebesserte Menschen sie machen. A. Rußland. Von der Ostsee, im Oktober. Die Russificirung in den baltischen- Provinzen macht große Fortschritte. Vergebens beklagen sich die Deutschen hierüber, da sie es am meisten verschulden, wenn das Deutschtum in den russischen Ostseeprovinzen immer mehr erlischt und verdrängt wird. Wer seine Nationalität nur in der Conscrvirung veralteter Vorrechte, Mißbräuche und abgestorbener Einrichtungen sucht, wer den belebenden Geist des modernen Lebens aus Standes- und Confessionsinteressen hartnäckig zurückweist, kann sich dem Andrange eines großen gegnerischen Elementes auf die Dauer nicht entziehen. Das „Mag. f. d. Lit. d. Auslandes" spricht sich hierüber folgendermaßen aus: „Wohl hätten die dortigen Deutschen von ihren Gegnern, den Russen, lernen können. Anstatt festzukleben an ihrer morschen privilegirten Gesondertheit, wußten sie aus ihr heraustreten, mußten ein eigentliches Volksleben, das dort fehlt, durch Schulen und Bildungsanstalten für das eigentliche Volk und durch Entgegenkommen der bevorzugten Stände herbeiführen. Denn nur so konnten sie allmählig eine .öffentliche Meinung in stch schaffen und von Außen für sich gewinnen und so das schöne Wort Palmerston's in sich zu Wahrheit werden lassen: „Es giebt zwei große Parteien in Europa, eine, welche durch die Macht der öffentlichen Meinung zu herrschen strebt, und eine andere, die zu herrschen strebt durch das Uebermaß physischer Gewalt. Der Grundsatz, worauf das System der letzteren Partei gegründet ist, ist von Grund aus verwerflich. In der Natur ist nur eine bewegende Kraft, der Geist, alles andere ist thatlos' und träge. In den menschlichen Angelegenheiten ist diese Kraft die Meinung, in den politischen Angelegenheiten die öffentliche Meinung, und wer diese Kraft gewinnen kann, wird den fleischlichen Arm physischer Uebergewalt bändigen und zwingen, seine Gebote auszuführen." — Jetzt ist das große Czarenreich damit zuvorgekommen; aber statt deutschen Schulen und deutscher Bildung den Eingang und den Vorzug zuzulassen, oder einzuräumen, werden die Schulen und der deutsche Geist durch den gewaltig eindringenden und fortschreitenden Geist des Russenthums verschlungen, wie Rußland ja bereits im .Königreiche Polen mit nicht zu rechtfertigenden Mitteln zu verfahren versucht. Auch die „Baltische Monatsschrift" gesteht dies zu, da sie, trotz aller Anerkennung des seit zehn Jahren besser Gewordenen, noch immer die Aufrechterhaltuug der aristokratischen Privilegien und der boruirten, unvolkswirthschaftlichen Intoleranz gegen die Juden beklagt. Und von diesen beiden Grundübelu scheinen sich die baltischen Provinzen nicht so leicht trennen zu können. Das uns vorliegende Junihest der „Baltischen Mo- 45*