Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1866)
- Date
- 1866-10-30
- Page
- Seite 697 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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697 Memel, tut Oktober (Privatmitth.) Vor wenigen. Tagen hatte, wie'auch verschiedene Zeitungen meldeten, Herr Moritz Becker, der Pächter der berühmten Bernstein-Baggereien im kurischen Haff, Audienz bei seiner Majestät dem Könige, um demselben ein, einzig in seiner Art, aus einem Stücke Bernstein gearbeitetes, für Ihre Majestät die Königin bestimmtes Schreibzeug zu überreichen. Es hat dieser Mann die Gunst des Glückes in fast unglaublicher Weise erfahren. Gänzlich mittellos hatte er sich vor etwa zehn Jahren in Memel, niedergelassen, und ist gegenwärtig einer der reichsten und angesehensten Rheder, Fabrikbesitzer und Kaufleme der See- und Handelsstadt; dabei — zu seinem Lobe sei es gesagt, — bescheiden und freundlich im Umgänge, mildthätig gegen die Armen, und voll reger Theilnahme für alle jüdischen Interessen. Die Synagogen-Gemeinde, nämlich der deutsch-israelitische Gemeindeverband Memels, ist noch sehr jung. Sie wurde vor etwa zwölf Jahren durch die rührige und rüstige Thätigkeit eines Mannes, der noch gegenwärtig als erster Vorstand segensreich in der Gemeinde wirkt, des Dr. med. I. Laaser, gegründet und hat die gegenwärtige feste Gestaltung durch das vom Königl. .Oberpräsidium der Prov. Preußen bestätigte Statut vom 16. Febr. 1862 erhalten. Zweier zweckmäßiger Gemeindeinstitute erfreut sie sich bereits, einer Badeanstalt und einer gut eingerichteten Begräbnißstätte; aber das dritte und vorzüglichste, am meisten Einheit und Einigkeit einer Religionsgemeinschaft befördernde Institut, ein zweckentsprechendes, würdiges Gotteshaus, das fehlt ihr noch. Sie steht darin der übrigen jüdischen Bevölkermrg des Ortes nach, welche nicht nur ein eignes Gotteshaus, sondern auch ein neuerbautes ketll hamidrasch besitzt. Lage und Geschäftsleben der Stadt Memel haben daselbst eine Mischung jüdischer Elemente vereinigt, wie sie nicht leicht eine zweite Stadt aufzuweisen hat. Jüdische Welt und jüdisches Leben wird daselbst durch streng und strikt von einander unterschiedene Elemente gebaut und gebildet, durch Russen, Polen, Schamaiten und Deutsche. Wahre zeitgemäße Bildung besitzt nur die deutsche Gemeinde; dabei ist sie die einzige mit fester Organisation, ist von der Regierung bestätigt, so daß sie alle dort ansässigen Juden, ihre Gemeindelasten mittragen zu helfen, heranziehen kann — eine Zukunft hat darum blos die deutsche Gemeinde. Köln, im Okt. (Privatmitth.) Auch in diesem Jahre hat die Stadt ihren Zuschuß zu den Kosten des Schulwesens der hies. israel. Gemeinde um 300 Thlr. erhöht, so daß derselbe gegenwärtig 1500 Thlr. beträgt. Allerdings haben hiermit die städtischen Behörden noch lange nicht den Grundsatz der Parität anerkannt, aus welchem das jüdische Schulwesen einen so großen Zuschuß zu fordern berechtigt wäre, als nach dem Verhältniß der Steuern der jüdischen Bevölkerung von dem Schuletat der Stadt auf die letztere käme, was ca. 7—8000 Thlr. betragen würde. Vielmehr wollten jene das Motiv lediglich aus dem Bedürfnis, die jüdische Schule um eine Klasse zu erweitern, herleiten. Essen, im Okt. (Privatmitth.) Die Choleraepidemie, welche mit besonderer Wuth tu hiesiger Stadt gehaust, verhinderte mich bis jetzt, Ihnen eine Notiz von einem schönen Feste zu geben, welches am 1. Sept. hier gefeiert worden, und das freilich aus demselben Grunde nicht denjenigen Umfang erfahren konnte, den es sonst sicherlich gehabt hätte Es war das 25jährige- Dienstjubiläum des weit über das Weichbild unserer Stadt als eine der tüchtigsten Lehrkräfte anerkannten Lehrers der hies. Gemeinde, Herrn Blumenfeld. Als Lehrer wie Charakter steht er eben nicht blos bei der jüdischen, sondern auch bei der christlichen Bevölkerung in hohem' Ansehen. Wie er wirkt, kann man daraus erkennen, daß bei einer jüdischen Bevölkerung von etwas mehr als 600 Seelen seine Schule von 127 Kindern besucht wird, ein Verhältnis wie es selten eine jüdische Schule auszeichnet, von der in der Regel ein nicht geringer Theil der jüdischen Eltern ihre Kinder zurückhält. Ich will hier in die nähere Beschreibung des Festes nicht eingehen, genug, es wurde in Synagoge, Schule und Haus gefeiert, mit Ehrengeschenken, Deputationen, Adressen und Telegrammen. Hervorheben wollen wir nur das Festessen im städtischen Garten, nn welchem der Bürgermeister Liedemann, der evangelische Schutpsieger Pastor Wachtler und der katholische Pfarrer Dr. Leising ü. A. theilnähmen, uud dem Jubilar ihre warme Theilnahme und Anerkennung zollten. Da dieser noch im kräftigsten Mannesalter steht, so eröffnet sich ihm unter Gottes Schutz noch eine lange, gesegnete Wirksamkeit. — Einige Wochen vorher wurde . hier auch die goldene Hochzeit des allgemein geachteten W. Kaufmann nebst Gattin festlich begangen. Das Jubelpaar machte eine Stiftung zur Ausstattung armer Bräute. *