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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-30 · Heft 44 (30.10.1866) · p. Seite 696

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 44 (30.10.1866)
Date
1866-10-30
Page
Seite 696 (sequence 6)
Language
German
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696 - Weisung und Verketzerung der Denkthätigkeit Grundlage : mystischer Dogmen ist. Wer, mag er auf anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine .Befriedigung von Gefühlen und eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ausgesetzt sein und sich, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern in's Netz gelockt sehen, das Judenthum aber will innerhalb seines großen Lehrkreises ein vernunftgemäßes Denken; was vor diesem nicht besteht, weist es als ihm nicht ursprünglich angehörig zurück, und nur hierdurch sichert es sich seinen Bestand durch den weiten Gang der Zeiten. Demungeachtet ist es hiermit nicht genug. Das bloße logische Raisonniren reicht in der Religion nicht aus, sondern es muß dies sich auch auf religiöses Wissen .stützen und von diesem seinen Inhalt erhalten. Wenn unsre romandurstige Zeit sich des religiösen Denkens so sehr entschlagen hat, so liegt gewiß eine Hauptursache dessen in dem Mangel an allem positiven Wissen auf dem Gebiete des Judenthums. Die jüdische Jugend ist seit langer Zeit ohne Kenntniß der h. Schrift, des jüdischen Lebens, der jüdischen Geschichte aufgewachsen. Noch heute fehlt es an vielen Orten an genügendem Unterricht hierin, und selbst wo dieser vorhanden, entzieht ihm.ein großer Theil der Eltern ihre Kinder. Was die Kenntniß der Bibel betrifft, so steht sicherlich mancher .Schülereiner Dorfschule zahlreichen Kindern sog. gebildeter Juden voran, und viele dieser wissen von den Erzvätern, von Moses, von den Propheten,. von den Sängern und Königen Israels weit weniger, als in einer -gewöhnlichen Volksschule gelehrt wird. Verhindert doch selbst die sonst so gerechtfertigte Bemühung, der Jugend einige Kenntniß des Hebräischen beizubriugen, den mehr sachlichen- Unterricht, ohne daß dafür die erlangte Vertrautheit mit der hebräischen Sprache, eben weil sie so mangelhaft bleibt, einen Ersatz böte. Mit den einfachsten und Grundsatzungen des Judenthums bleibt eine große Masse, ganz unbekannt, und am wenigsten ist ihnen eine Erklärung der Bräuche geläufig. Bei solchem Mangel an positivem Wissen ist es nicht zu verwundern, daß die Denkthätigkeit nur geringen Stoff und noch geringere Anregung und Veranlassung hat; ist es noch weniger zu. verwundern, daß diese krasse Ignoranz im Religiösen allen möglichen Verirrungen und Verkehrtheiten Vorschub leistet. Wie sollte der Blinde über die Farbe, ob sie echt oder falsch sei, urtheilen können! Was ergiebt sich hieraus? Nichts Anderes als: sorget, daß eure Kinder einen tüchtigen religiösen Unterricht genießen, und in und mit ihrer Religion vertraut werden; gehet selbst ihnen hierin mit gutem Beispiele voran. Sorget dafür, daß ihr tüchtige Lehrer habet, welche, mit einem bedeutenden Missen noch. ein bedeutenderes Lehrgeschick und einen warmen Eifer verbinden und selbst durchbildet sind. Ihr Lehrer aber, habet vor Augen,-daß besonders im religiösen Unterrichte das zwiefache Ziel erstrebt werden muß, der Jugend ein. reiches Wissen zu geben, aber auch die Denkkrast zu entwickeln und zu schärfen und an Thätigkeit zu gewöhnen. Auf diese Weise werdet ihr überzeugungstreue und gesinnungstüchtige Juden schaffen! Zeiturtgsnachrichten. Deutschland. Crefeld, 16. Okt. (Privatmitth.) Als in diesen Tagen ein Knabe aus der Kinderbewahranstalt in unsere Schule eintrat , brachte er ein Missionsblatt mit, welches ihm die. „Schultante" gegeben hatte. Man sieht, es werden , noch immer die alten Mittelchen und zwar durch die alten Canäle verwendet. Was mich aber am meisten verwunderte, war, am Schlüsse des Missionsblattes die Firma einer jüdischen Buchdruckerei „M. Friedländer in Brilon" gedruckt zu sehen. Ein Geschäft, sagt man, kennt keine Confession. Wenn aber eine jüdische Buchdruckerei wie die genannte, tausende von Exemplaren von jüdischen Gebetbüchern, Religionsbüchern u. s. w. jährlich verbreitet und darum unter den Juden wohl bekannt ist, so ist es nicht gleichgültig , ob ihre Firma auch unter Missionsblättern steht, die darum der jüdische Leser nicht so schnell in f ihrem wahren Charakter erkennen wird, noch dazu, wenn sie, wie dies hier der Fall ist, mit dem hebräischen Texte und der deutschen Uebersetzung der Zehn- Gebote und dgl.-anfangen. Auch das staatliche Gesetz erkennt in einem gewiffen Grade eine Verantwortlichkeit des Buchdruckers an: könnte man hier eine ^solche vom. religiösen und sittlichen Standpunkte ganz ableugnen? Denn das möchten wir nicht voraussetzen, daß die genannte Firma ohne Wissen ihres Besitzers unter das Missionsblatt gestellt sei.

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