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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-30 · Heft 44 (30.10.1866) · p. Seite 695

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 44 (30.10.1866)
Date
1866-10-30
Page
Seite 695 (sequence 5)
Language
German
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695 die halachische Discussion sich um den Vorrang stritten, hatte die Vorsehung dem jüdischen Stamme in seinem furchtbaren Mißgeschick und wiederum in seinem heißathmigen Familienleben Impulse der erhabensten und vollkräftigsten Gefühlsbewegungen in seinen Messiashoffynngen zur Entzündung der Einbildungskraft reichlich gegeben, um. die Religion des Judenthums nicht zu vereinseitigen und ihr eine gewisse innere Harmonie zu erhalten. Es war naturgemäß, daß mit dem Eintritt der neuesten Entwickelungsperiode, die wir seit Mendelssohn datiren, gerade die Denkkraft vorzugsweise wieder hervortrat, um sowohl ihr auflösendes als auch wiedererbauendes Werk zu beginnen und fortzuführen. Man erinnere sich, daß die Zeit Mendelssohns vorzugsweise eine metaphysirende und zwar in populärer Weise war. Ihr höchstes 'Interesse nahm die Discussion über einen Begriff, eine Definitiondie Lösung einer metaphysischen und psychologischen Frage in Anspruch; Empfindung und Phantasie waxen ihr eben nur Gegenstände des Denkens, für Geschichte hatte sie gar keinen Sinn. Es war dies eine nothwendige Erscheinung, und nur durch sie konnte die hemmende Schranke der Cultur und Bildung durchbrochen und dem Geiste eine gewisse Freiheit, Geschmack und .Adel zurückgegeben werden. Aber in ihrer Einseitigkeit hatte sie für die Religion neben unentbehrlichen Folgen auch sehr nachtheilige. Sie unterwühlte den großen Unterbau der Religion, das geschichtliche Leben derselben und zerschnitt das Band der Entwickelung, das überall, besonders aber in der Religion, Gegenwart und Vergangenheit und so auch die Zukunft an einander knüpft; sie entnüchterte durch ihr vorherrschendes Verstandesleben die Religion, daß der Geist völlig noch aus ihren Formen verschwand, und ließ die Seelen durch ihr Philosophien erkalten. Aber so schädlich dies auch war, so sehr sich auch unsre Zeit diesem Frosthauche wieder entwinden mußte und muß, so bildet doch das vernunftmäßige Denken ein zu starkes Element des Judenthums und ist es der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiedereiukehr in das Judenthum nicht hoch genug anzuschlagen und es, wenn auch bereichert durch Geftihl und Phantasie, festzuhalten haben. Eine Religion, welche die Einzigkeit und die unbedingte Unkörperlichkeit Gottes zu ihrem Grunde und Höhenpunkte hat, welche die Einheit des Weltalls und die Einheit des Menschengeschlechtes, welche die großen Prinzipien des socialen Rechtes verkündet, und darum in dem richtigen Abwiegen der Individualität, der Nationalität, der Staatlichkeit und der Menschheit einen Angelpunkt hat, kann in dieser ihrer Wesenheit nur durch vernunftgemäße Erkenntniß begriffen, erkannt und erhalten werden. Ja, sie faßt dann die Liebe mit ihrem unerschöpflichen Gehalte in das erhabene Gefäß, und wirft den Sternenmantel der Geschichte um ihr ganzes göttliches Gebilde. Aber nur in dieser Vereinigung findet sie ihre Vollendung und Erfüllung. Wie es nun gekommen, mögen wir hier nicht erörtern, daß in der jüngsten Zeit die Menschen im Allgemeinen, und so auch die Juden von dem Obwalten der Denkthätigkeit wieder allzusehr abgekommen. Aber in der That ist es so. Allerdings erhält sich die Wissenschaft ihre ganze Strenge, und fördert von Tag zu Tag die Erfolge ihrer Prüfung und Forschung zu Tage. Nicht so jedoch die große Welt, und namentlich die sg. gebildete Welt. Man sehe nur zu; gebet der Mehrzahl der Menschen eine ernstgehaltene Schrift, welche Nachdenken, Anstrengung des Verstandes, Aneignung von Wissen fordert und fördert, in die Hand, und gar schnell wird sie derselben entfallen. Was nicht zugleich Kuriositäten bringt, oder gleich Roman ist, das findet keine Verbreitung. Alles soll die Einbildung beschäftigen und das Gefühl anregen. Zum Denken ist man zu lässig, und was sich von diesem zur Verarbeitung darbieten will, muß in das Gewand der Dichtung sich kleiden und der Gefühlsbewegung wechselnden Anstoß geben. Es mag sein, daß augenblicklich hiermit auch der Religion eine neue Nahrung gereicht, ein gewisses Bedürfniß nach ihr wieder angeregt, und momentan die Seele ihr wieder geöffnet wird — sicher ist es, daß dem wesentlichen Inhalte des Judenthumes dadurch großer Abbruch geschieht. Das Feuer, welches durch Gefühl und Einbildung entzündet wird, ist nur ein flackerndes Strohfeuer. Nur die tiefe Ueberzeugung und die aus dieser erfließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre und dauernde Begeisterung für das Judenthum. An der Schwelle desselben steht der große Gottesmann Moses, und weiset alles Verborgene und Geheimnißvolle von demselben zurück; nicht was im Himmel, nicht was jenseits des Meeres, sondern was dir ganz nahe, in deinem Munde und deinem Herzen ist, das ist sein Judenthum (5 Mos. 29, 28. 30, U—14). Die bloße Gefühlsseligkeit und das ungebundene Spiel der Phantasie führen innerhalb des Judenthums zu Auswüchsen, wie der Chassidismus ist, oder ganz außerhalb des Judenthums, wo die Zurück-

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