Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1866)
- Date
- 1866-10-30
- Page
- Seite 694 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m WWW WWW 694 Arber religiöses Denken und wissen. 11. Die wahrhafte Religion beruht aus der Harmonischen Entwickelung und Thätigkeit aller Seelenkräfte. So die Religion als Ganzes, so die Religion im einzelnen Menschen. So wie eine richtige Wahrnehmung nur aus einem übereinstimmenden Maß und Verhältniß der Sinne hervorgeht, jede Schärfe eines Sinnes auf Kosten der anderen nur einseitige und darum zum größeren Theil unrichtige oder verkehrte Wahrnehmungen bewirkt: so auch das Vorherrschen einer Seelenthätigkeit in der Auffassung und Beantwortung der höchsten, d. i. der religiösen Fragen. Sobald Jemand in seinem religiösen Wesen die Denkkraft zum alleinigen Factor macht, geräth er in spitzfindige Metaphysik, deren Ergebniß sehr zweifelhaft, oder verliert sich in das Formenwesen und wandelt die Religion zu einem Rechtskodex. Wo aber die Religion als eine bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht, sondern nur empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen. Gedanken unausbleiblich, bei aller Gefühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn nn Inhalt und That verloren. Das Vorherrschen der Einbildungskraft endlich auf dem religiösen Gebiete gebiert alle möglichen Arten von Phantastereien und Aberglauben. Sie chloroformirt geradezu den Geist, und zwar immer von Neuem, daß er sich nicht wieder daraus zur Wahrheit retten Mnn. Verbinden sich aber gar Gefühl und Einbildung in der Religion unter hartnäckiger Zurückweisung und Verketzerung der Denkkraft, so sind Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilvollen Reiche. Nein, die Religion will durchdacht, durchfühlt und vom Schwünge der Einbildungskraft belebt sein. Eine jede dieser Seelenthätigkeiten giebt für die beiden anderen das beste Correctiv; durch eine jede wirkt die Religion in eigentümlicher Weise, vollendet sich aber nur durch die harmonische Zusammenwirkung aller Drei. Es ist ein Vorzug der Religion Israels, von ihrem Ursprünge an sich auf diese richtige Geltung aller drei Seelenkräfte gestellt, sie sämmtlich in Anspruch genommen zu haben, und ein gütiges Geschick hat dafür gesorgt, daß diesem ihrem Cha- .rakter der ursächliche Stoff niemals gefehlt. Wenn die h. Schrift unsrer Einbildungskraft die großartige Scenerie in der arabischen Wüste mit dem versammelten Volke am Fuße des Sinai, den erbebenden, rauchenden Berg, die dunkle Gewitterwolke Mit den zuckenden Blitzen, den Schall des Donners und der Drommeten vorführt, so läßt sie aus all' diesem die einfachen Worte des Gesetzes ertönen, welche Nichts als die klarste Vernünftigkeit athmen und in ihrem bündigen Ausdruck sich an den denkenden Menschen richten. Dennoch breitet sie auch hier den Hauch tiefer Empfindung darüber; bei der Erkenntniß des einzigen Gottes erinnert sie an die Rettung und Erlösung, die wir erfahren, bei der Anbetung des unkörperlichen Gottes an die strafende und lohnende Vergeltung, die sich an den Haß und an die Liebe knüpft, bei dem Sabbath an das göttliche Vorbild der Schöpfung, bei der Verehrung der Eltern an das Glück, das aus treuer Psiichterfüllung ersprießt. So vereinigen sich schon in dieser einen Partie der h. Schrift Einbildungskraft, Vernunft und Gefühl, um ein harmonisches Ganzes für den Menschen zu schaffen, das darum den Stempel der Ewigkeit an sich trägt. Verfolgen wir aber diesen Gedanken durch die ganze h. Schrift, so werden wir ihn aber- und abermals verwirklicht sehen. Nirgends blos die nackte Logik, nirgends blos ein blödes Gefühlswesen, nirgends blos die wüste Einbildungskraft. Um nur noch ein prägnantes Beispiel anzusühren. Charakteristisch für unsren Gedanken ist das Buch Hiob. So metaphysisch der Gegenstand ist, der in diesem Buche behandelt wird, die göttliche Weltordnung, wie sie sich in der Menschheit als Vorsehung und Vergeltung manifestirt, und so denkgemäß er durchgeführt ist, indem Theorie und Praxis befragt und die göttliche Weltordnung'in der Natur zu Hülfe genommen wird: so ist doch zugleich eine solche Fülle der Poesie, ein so reiches Leben dichterischer Phantasie über das Ganze und alles Einzelne ausgebreitet, daß dem Dichter des Hiob die Stelle neben den wenigen größten Poeten des Menschengeschlechtes zuerkannt werden muß. Aber dies vermochte er eben nur dadurch , daß er in seinen Stoff und jede einzelne Situation desselben einen tiefen Strom der Gefühle hineinzulenken verstand, aus desien Wellen nun das Fahrzeug des prüfenden Verstandes mit sicherem Steuer dahinfährt und die Sonne der Phantasie ihre Silbersäulen und ihren Lichtschimmer legt. Das ewige Weh des Menschen und der ewige Trost ringen mit einander, bis der letztere die Oberhand gewonnen.— Aber auch in späteren Epochen fehlte es dem israelitischen Geiste, selbst wenn er eine einseitige Richtung eing^chlagen, niemals an Stoff auch für die übrigen Seelenkräfte. Als die aristotelische Philosophie, die phantastische Cabala und