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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-23 · Heft 43 (23.10.1866) · p. Seite 678

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 43 (23.10.1866)
Date
1866-10-23
Page
Seite 678 (sequence 4)
Language
German
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,>Äeues Gebräu von Unverstand und Ignoranz, von Sünden gegen die gewöhnlichste Logik und gegen die deutsche Sprache, von „Selbsterhebung," „Andererhebung" Md pfäffischem Dünkel, jenes Gebräu wird nicht kredenzt, nein, kredenzen läßt sichs, mit sichtlichem Behagen schlürfts — die intelligente jüdische Gemeinde der Stadt der Intelligenz!"^— Er fragt, „wie ist Solches, wie ist früher Unerhörtes heute möglich?" indem.er, und wohl mit Recht, voraussetzt, daß es anderswo, außerhalb Berlins, auch nicht bester sei. Er beantwortet dies in folgender Weise: .„Ein Herr Nascher, sowie all das Erwähnte ist blos unter Menschen möglich, die in religiöser Hinsicht nicht denken. Und das ist hier der Fall. Der intelligenten jüdischen Gemeinde Berlins ist nicht der religiöse Sinn, nicht das religiöse Gefühl, wohl aber das religiöse Denken abhanden gekommen. Ich sage: das religiöse Denken, das Denken über religiöse Angelegenheiten. Viele Juden denken auf dem Gebiete der Politik, des Rechts, deS Handels, der Literatur, der Kunst; —auf dem Gebiete der Religion denken von den Juden Berlins die Wenigsten. Hier sind es nicht bestimmte, unterschiedene Vorstellungen, die den Inhalt des Bewußtseins ausmachen, sondern die meisten sind hier ergriffen von verworrenen Borstellungsmassen, die verbunden sind mit ihrer Natur nach dunklen und nur noch mehr verwirrenden Gefühlen. Wie Biele zum Beispiel können ruhig denken, d. h. können Vorstellungen aneinanderreihen und scheiden in Betreff der Beibehaltung oder Beseitigung irgend eines Gebetstückes? Was thun nun die Meisten, wenn Derartiges zur Sprache gebracht wird? Sie sprechen das Wort „Reform" aus. - Bei „Reform" aber -denkt sich der Sprechende wie der Hörende gar nichts Bestimmtes; das Wort bezeichnet eine Vorstellungsmaste, -mit der ein Gefühl des Abscheues oder der Zuneigung verbunden ist." „Mit andern Worten: die meisten Juden Berlins haben sich auf dem Gebiete der Religion jedes Urtheils entwöhnt; man prüft nicht, man wägt nicht auf und ab, man verdammt oder man verhimmelt! Man will nicht denken, man haßt das Denken nicht Llos an sich, sondern auch an Andern." „Sie sind unwillig, wie Einer, der aus dem Schlafe gerüttelt wird. Er murrt darüber, obgleich es in seinein Interesse geschieht. Man kann es entschuldbar finden, aber man kann es nicht rechtfertigen, daß Sie sich gerade Men das sträuben, was-Ihnen Noch thut. Es thut Noch, daß die überschwängliche Fülle religiöser Gefühle keineswegs unterdrückt, erstickt, wohl aber durch etwas Denken geklärt, geläutert, befestigt werde, wodurch allein diese im Stande sind, über die Schwelle des Bethauses hinaus ein Geleite, ein sittlicher Halt für das Leben zu sein. Denn das Denken ist nothwendig immer auf die Erkenntniß der Wahrheit gerichtet, die Gefühle hingegen können eben so gut auf Illusion oder Täuschung als auf Wirklichkeit beruhen «und ich glaube gezeigt zu haben, wie sehr und wie oft ersteres mit Ihren Gefühlen der Fall ist), so daß Sie, so lange Sie die Gefühle vorwalten lassen, in fortwährender Selbsttäuschung verweilen. Was aber nützt Ihnen und Ihren Kindern ein solches religiöses Gefühlsleben, das auf Selbsttäuschung beruht? Es wird im Allgemeinen weder Ihnen den gehofften Genuß der Erbauung, noch Ihren Kindern den erwarteten Nutzen der Umstimmung und Veredelung bieten." , „Und bliebe es noch bei der Selbsttäuschung! Aber das ist den Sünden, die man gegen sich selbst begeht, eigen, daß immer noch Andere dadurch mit verdorben werden müssen. Sehen Sie doch auf Ihre Raböinen! Wer ist schuld, daß so viele derselben, und zwar fast noch mehr als die Orthodoxen die äußerlichen, scheinbaren, vorgeblichen Reformer, heucheln, daß sie die religiöse Wahrheit vertuschen, ja daß sie Ihnen schmeicheln und speichellecken, und daßsie mit der Gemeinde die Gesinnung so leicht wie einen Rock wechseln? Sie sind schuld, weil Sie Allem, was Ihren Gefühlen nicht zusagt oder gar denselben Schranken setzen will, den Zutritt versagen und damit die Wahrheit überhaupt verscheuchen. Sie zwingen zur Lüge." „Geht es noch eine Zeit lang so fort, so wird bald ganz allgemein werden, was jetzt schon nicht selten ist: Ein ehrlicher Theologe wird nicht im Stande sein, Euch Religion zu lehren, und lieber hungern, als Euer Rabbiner werden wollen." „Und das wäre der Anfang vom Ende. Die süßliche Festphrase würde sich zur Regel machen und alles Gesunde, Klare, Einfache in Schrift und Wort bald vollends verdrängen. Unter der Alleinherrschaft der Gefühle würde gar bald jede Wahrheit aus der Religion schwinden, und auch uns Juden alles positiv Religiöse unter den Händen weglaufen, so daß das ODns'm nicht mehr zutreffend wäre. Nur solche, die nicht wissen oder nicht bedenken, was große Religivnskrisen schon für die Zeitgenossen im Gefolge

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