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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-23 · Heft 43 (23.10.1866) · p. Seite 677

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 43 (23.10.1866)
Date
1866-10-23
Page
Seite 677 (sequence 3)
Language
German
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'iE WWWM m WWWEWWWWVWMW Ueber reirgroses Venken und tvrsftn. Vor kurzem empfingen wir von Berlin ein Schrift-- chen „Unsere Richtung" als einensiebenten Vortrag eines „Dr. Simon (Sinai) Nasch6r." Wir haben dasselbe für unfern literarischen Wochenbericht in einem Artikel, der viele einzelne, uns zugekommene Predigten behandelt, in Nr. 42 kurz besprochen. Wir haben darin nur unsere Verwunderung ausgesprochen, daß ein solches Gewebe von Unsinn, Selbstüberhebung und erheuchelter Demuth, verbunden mit dem abscheulichstes Deutsch und der erkünsteltsten Auslegung der Schrift und des Midrasch bei einem berliner Publikum großen Anklang und Zulaus finden könne. Jetzt erhalten wir eine so eben erschienene Broschüre: „Kritische Streiflichter auf das Berliner Judenthum von Ben Jechiel. Berlin, I. M. Späth, 1866", welche eine ausführliche Kritik des gedachten Machwerkes giebt, und somit schon an sich bezeugt, daß in der That der Herr Nascher sich eines vielseitigen Beifalls bei den Berliner Juden zu erfreuen hat. Der Verfasser besitzt eine bedeutende talmudische Gelehrsamkeit, vielen Witz und große Sprachgewandtheit. Aber er hätte von diesen seltenen Eigenschaften einen viel kleinern Schatz zu Haben bedurft, um den Herrn Nascher in aller seiner Blöße zu zeigen. Es ist nichts als ein Stück Halbbildung, Halbwissen und Halbtheologie, zusammengeknetet durch Unverschämtheit, Schlauheit und Phantasterei, aus einem halbcivilisirten Lande nach dem Herzen Deutschlands versetzt, das den Berlinern ausgetragen und von einem Theile derselben schmackhaft gefunden wird. Herr Ben Jechiel weift dies sattsam nach, die Unkenntniß der deutschen Sprache, wie sie keinem Quintaner nachgesehen wird, und ebenso die Unkenntniß der Schrift und des Midrasch , die Herr N. aufs willkürlichste zu behandeln sich erdreistet — natürlich unter der Maske der unbedingtesten Orthodoxie. Was wir bedauern, ist, daß sich der Verfaffer doch nicht näher auf den eigentlichen Inhalt, den leitenden Gedanken des Herrn N. einläßt, und ihn nur citirt, allerdings in der Meinung, daß sich der Unsinn hier so klar stellt, daß er eines weitern Nachweises nicht bedarf. Für das allgemeine Publikum hat er Recht; für das Berliner aber, aus das doch seine Broschüre berechnet ist, nicht, wie eben Figura zeigt. Herr Simon (Sinai) Naschsr beantwortet die Frage nach seiner religiösen Richtung so: „Wenn Sie... mich fragen nach meinem religiösen Grundsätze (!), nach meiner religiösen Vorschrift, so halte ich zur Antwort in unverwischbarer Flammenschrift Ihnen die Worte entgegen: rmnn npn n*n, das ist das Gesetz der Lehre. Lehre ist Gesetz und Gesetz ist Lehre, Glauben ist Denken und Denken ist Glauben, Gesinnung ist Ueberzeugung und Ueberzeugung Gesinnung. Ich kenne nicht nur keine andere religiöse Richtung, sondern ich kenne überhaupt gar keine religiöse Richtung. Soll sich etwa. die Lehre nach uns richten, dann giebts keine Lehre, giebts kein Judenthum. Wie kann das ewig sein, was einem Zeitwechsel unterliegt, und wie kann das eine Lehre sein, die nicht ewig ist? Wer aber die Pfeiler des Judenthums stürzt und schleift, in der Meinung, das Judenthum könne als ein ewig Geistiges auch ohne die Stützen von Sitte und Brauch sich halten, der verfällt ja offenbar in einen Widerspruch mit sich selbst. Wie kann man denn voraussetzen, daß das, was das Ewige trägt (?) nicht ewig sei, umgekehrt muß ja die Stütze des Geistigen geistiger sein als das Geistige selbst (!); trägt doch der Geist den Leib (?!), und während der Leib nur durchgeistet und vergeistet ist, so ist und bleibt doch der Geist ein Geist. — Darum (?) kann es kein Judenthum ohne Lehre geben." Der Verf. bemerkt hierzu: „Nicht übel! Geist, geistig, vergeistet und durchgeistet! Warum nicht auch noch z er geistet? Also Lehre ist Gesetz und Gesetz ist Lehre. Wie übersetze ich dann nmnn npn n«7? Das ist das Gesetz des Gesetzes? Oder: das ist die Lehre der Lehre? Oder da Sie fünf'Zeilen weiter unten so freundlich sind, auch Lehre und Judenthum zu identisiciren, so könnte es vielleicht auch heißen: das ist das Judenthum des Judenthums? Oder lieber gleich: das ist der Geist des Geistes? Denn auch Geist und Judenthum sind Ihnen ein- und dasselbe, wie Ihnen denn, nach Ihren durchgeisteten und vergeisteten Worten zu urtheilen, überhaupt alles egal zu sein scheint. Oder: dies ist das Judenthum des Geistes, das „geistige Judenthum?" oder — —, doch vergeblich bemühe ich mich, Herrn Nascher Cyncurrenz zu machen. Der Dreistigkeit, mit welcher er ein Concert auf der hohlen Wortklappermühle seinen' in der That genügsamen Gästen vororgelt, kann nichts gleichkommen, als die Naivetät, mit der er seine Unwissenheit zur Schau trägt!" — Doch wir wollen uns hierbei nicht weiter aufhalten. Gewichtiger ist uns vielmehr die Frage, welche Herr Ben Jechiel in seiner Broschüre weiterhin aufwirft. .Er sagt; 43*

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