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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-16 · Heft 42 (16.10.1866) · p. Seite 662

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 42 (16.10.1866)
Date
1866-10-16
Page
Seite 662 (sequence 4)
Language
German
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WWNWWAWWW^^M^^W^WWW mmmS gerade diesem Zweige der Literatur eine größere Aufmerksamkeit zuwenden? Unsre Antwort wäre, daß wir es hier mit einer Disciplin zu thun haben, welche eine unmittelbare praktische Wirksamkeit hat, und die dennoch lange nicht die Pflege, das Studium und die ernste Krastverwendung erhält, welche sie erfahren muß, um zu eigner normaler Entwickelung und zu dauernden Zielen zu gelangen. Die Predigt ist, was auch dagegen gesagt werde, ein unentbehrliches Element im jüdischen Gottesdienst wieder geworden — wir sagen „wieder," weil Lehrvorträge vor alten Zeiten in der Synagoge nicht blos üblich, sondern der eigentliche Kernpunkt des öffentlichen Gottesdienstes waren, und wir sagen „unentbehrlich," weil sie die eigentliche Abwechselung in dem stereotypen Schema unsres Gottesdienstes darbietet, den Geist, der den sonst starren Körper zu beleben vermag. Bei den jüdischen Theologen, und zumal bei den jüngeren, herrscht aber immer noch die Meinung vor, als ob sich das Predigen bei dem Theologie Studirenden ganz von selbst verstände und einsände. Was brauchen sie Homiletik zu studiren, Musterpredigten zu studiren, die Rednerkunst, ihre Forderungen und Bedingungen zu studiren — das ergiebt sich Alles von selbst. Der Erfolg zeigt dann, daß es sich nicht von selbst ergiebt, und wir gestehen offen unsre Ansicht, daß die jüdische Predigt seit einem Jahrzehend bedeutend zurückgegangen ist. Gerade zur Beredtsamkeit gehört die Vereinigung glücklicher Naturgaben, und da diese nur selten verliehen werden, so ist es um so nothwendiger, sie durch sorgfältiges Studium und Uebung möglichst zu ersetzen, um selbst nur ein mittelmäßiger Redner zu werden. So wenig wie auf die Länge ein unwissender Redner wird genügen können, und sich die Gedankenleere bald auch dem minder scharfsichtigen Zuhörer verräth: ebenso wenig genügt theologisches Wissen und Gelehrsamkeit, um einen guten Prediger abzugeben. Es kommt hier hinzu, daß die Predigt zwar von der einen Seite den Vortheil genießt, daß die Heiligkeit des Ortes, der Stunde und des Stoffes ihr von vornherein einen günstigen Hintergrund giebt, dagegen aber ist sie durch den abgegrenzten Kreis des Stoffes, durch die Wiederkehr der Veranlassung und durch eine gewisse Gebundenheit der Form wieder benachtheiligt und erfordert darum eine um so größere Sorgfalt, eine besonnenere Anstrengung, eine warme Belebung, einen immer frischen Geisteshauch, um sich in ihrer Höhe zu erhalten, wie sie denn in unsren Tagen an der weltlichen Beredtsamkeit eine mächtige Rivalin besitzt. — Doch es kann 682 in einer kurzen kritischen Besprechung nicht unsre Absicht sein, uns in die Theorie der Homiletik zu versenken. Wir wollen deshalb nur eine Bemerkung hervorheben. Es ist dem Prediger gestattet, das Bibelwort freier zu handhaben, und in der Anwendung und Auslegung desselben nicht gerade bei dem buchstäblichen Sinne, der Stelle nach, in welcher es sich befindet, stehen zu bleiben — aber um so mehr muß er sich in Acht nehmen, sich geradezu einer Verdrehung schuldig zu machen, hineinzupacken, was es nicht im Entferntesten enthält, oder gar des bloßen Wortklanges sich zu bedienen, so daß Schriftwort und Anwendung himmelweit von einander liegen. Wir kennen Fälle, wo dies bis zur Carrikatur getrieben worden, und gerade Männer, welche das Wort Wissenschaft beständig im Munde führen, sich allen Ernstes dergleichen Spielereien zu Schulden kommen lassen. Wir wissen sehr wohl, daß gerade das jüdische Publikum scharfsinnige Verwerthung von Bibel- und Talmudsprüchen und das Spiel des Witzes sehr liebt. Weder aber darf diesem Hange zu sehr nachgegeben werden, so wenig er auch ganz zu vernachlässigen wäre, noch entschuldigt xr Ausschreitungen, die dem Sinn des Bibelwortes und der gesunden Vernunft ins Gesicht schlagen. Unsre jüngeren Theologen sind, weil einige von ihnen regelmäßigere Studien gemacht, geneigt, auf die ältere Generation unsrer Theologen mit großem Selbstvertrauen herabzusehen, Salomon, Kley, Mannheimer gelten ihnen für Dilettanten. Sie vergessen, daß diese Männer mit einer genialen Kraft begabt waren, mit einem schöpferischen Geiste, welcher die regelmäßigen Studien in vielen Momenten ersetzt, in vielen aber weit hinter sich zurück läßt. Die genannten Männer standen eines Morgens als Prediger auf, und waren am Abend desselben Tages wahrhaft berufene, glänzend ausgestattete; während unsre jüngeren, weil ihnen so vieles Innerliche abgeht, lange Jahre holpern und stolpern auf ihrem Wege, und wir nicht absehen, zu welchem leuchtenden Ziele sie gelangen werden. Wenn wrr dies sagen, so geschieht dies aus keiner Voreingenommenheit nach der einen oder andern Seite hin, sondern aus der einfachen Beobachtung der Thatsachen, nicht als laudator temporis peracti — dies wird uns Niemand zumuthen — sondern weil wir der Selbstüberhebung als dem schädlichsten Faktor für das Individuum wie für das Allgemeine überall entgegenzutreten uns bemühen. — Ohne hiermit auf die folgenden einzelnen Predigten, unter welchen einige ganz wackere sind, gezielt zu haben,

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