Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1866)
- Date
- 1866-10-09
- Page
- Seite 654 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWWWMMWMM^WNEMMKW« 654 wen, wahrend'sie selbst, wenn nicht in oppositionellem Wider-, doch ganz in passivem Zustande zu bleiben pflegt. Er liefert ferner den Beweis, daß .wenigstens in den hochgestellten Persönlichkeiten jener Geist erwacht ist, den wir Gemeinsinn nennen* und der so Großes zu wirken im Stande ist. Die Selösthilfe durch Assoeiation, diese Frucht der modernen Civilisation, jener Quell aller bürgerlichen Tugend der Staatsangehörigen: der Gemeingeist, tritt »hier zum ersten Male zur Erscheinung, weshalb wir den Verein vom Beginne an am freudigsten begrüßten, und auch diesen Gegenstand wichtig genug erachten um auf einen größeren Raum in Ihrer geschätzten Zeitung Anspruch machen zu dürfen. Bevor wir aber zu der eigentlichen Wirksamkeit des Vereines übergehen, erlauben Sie mir eine Bemerkung vorausznschicken, die den Einwänden gegenüber, die gegen denselben von gewisier Seite .erhoben wurden, den höheren Standpunkt angiebt, von dem aus er beurtheilt werden müsie. — Die Gegner des Vereins pflegen immer eine Parallele zu ziehen zwischen demselben und denjenigen vielfachen Vereinen, die in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in Deutschland entstanden, welche von renommirten Gelehrten ausgehend, die eine Autorität unter, ihren Glaubensgenossen besaßen, die ersten Fundamente der modernen Wissenschaft des Judenthums gelegt haben, während er hier von einem Vereine achtbarer Kaufleute ausgehend, nicht allein auf diesem Gebiete nichts zu leisten im Stande sei, sondern auch unmöglich auf die Massen zu wirken vermögend sein wird, indem man ihm jede Autorität hierin streitig macht. Jenen Einwand höchst nngegründet zu finden hat man , aber nur nöthig einen vergleichenden Blick auf die Zeitverhältnisse beider Epochen in Leiden Ländern zu werfen, wie nicht minder zwischen dem damaligen intellectuellen Zustande der deutschen Juden und dem dermaligen der russischen eine Parallellinie zu ziehen. Als in Deutschland ein neuer Geist sich zu regen anfing, der die dichten Wolkenmafien, die die Geister nmdüstert hatten, lichtvoll durchdrang, als die Sonne der Humanität und der' modernen Cultur ihre Reflexe in die finstern Ghettos unserer Religionsbrüder zu werfen ansing und die Träger dieser neuen Ideen nicht allein für die social-politische Befierstellung ihrer unglücklichen Brüder in die Schranken traten', sondern auch um ihte geistige Emancipation bestrebt waren, da galt es erst um ' Schaffung und Neubildung alles dessen, was wir jetzt so herrlich blühen sehen. Die öffentlichen Lehrinstitute wurden noch von keinem Juden besucht, specisisch jüdische Schulen.mußten erst gegründet, ja-Schulbücher für diese Schulen erst verfaßt, die ersten Keime für die Geschichtsforschung, diese wahre Quelle der gründlichen Kenntniß des Judenthums, die ersten Grundlagen für alle Zweige der jüdischen Wissenschaft mußten erst gelegt werden. — Wie viele große Geister boten ihre ganze Kraft auf um vor allen Irrwegen zu warnen und die rechte Bahn anzuzeigen; welch reger edler Wetteifer wurde von allen Seiten aufgeboten, um die vielfachen neuen Schöpfungen an das Tageslicht zu fördern, um alle noch brachliegenden Felder urbar zu machen und die schönen Saaten reifen zu lassen, die wir jetzt auf allen Gefilden des Wissens prangen sehen.! Dieses alles findet gegenwärtig, bei uns nicht statt. Der deutsche Geist hat uns in Allem trefflich vorgearbeitet. Die Werke der jüdischen Koryphäen Deutschlands leuchten uns als mustergültige Vorbilder auf der Bahn des aufgeklärten Judenthums voran. Man sage, was man wolle, wir russischen Juden werden doch nie diese Vorbilder entrathen können. Neues auf - allen Gebieten zu schaffen, dazu fehlt es uns an geistigen Kräften, vorzüglich an gründlicher Kenntniß des klassischen Allerthums und emsigem gründlichen Forschergeist. — Wie England und Amerika in den Fußtapfen der deutschen Juden wandelnd in allen Beziehungen eine schnelle Reife erlangt, eben so haben die russischen Juden nur dahin ihre Blicke zu richten, haben alle geistigen Errungenschaften jener nur anszubeuten und auf hiesiges Gebiet zu verpflanzen. Dieses ist aber die Aufgabe der zahlreichen studirenden Jugend, die wir in allen Universitäten des Reiches einen eisernen Fleiß den Studien widmen sehen. Diesen letztern muß nur das liebe gereicht werden, damit sie nicht den Sorgen um die tägliche Erhaltung unterliegen oder was noch schlimmer wäre, dem Köder der Versuchung: dem Judenthume abtrünnig zu werden. — Was weiter unsere Verhältnisse anders gestaltet als dort, ist, daß die organisatorische Hand der wohlwollenden Regierung vieles geschaffen hat, was lange lange nicht durch private Mittel und autonomischeS Wirken geschehen könnte. Sie hat Elementarschulen und Seminarien zur Heranbildung der Lehrer für diese Schulen gegründet; hat Stipendien für die in den Gymnasien und Universitäten Studirenden geschaffen. Man sieht also ein, daß es hier nicht die Schaffung von Neuem, sondern die Fortbildung des bereits Bestehenden und Gedeihenden gilt. — Sie haben es, geehrtester Herr, schon mehr als einmal ausgesprochen, daß sehr Vieles unterblieben wäre, wenn nicht die kräftige Hand einer