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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-09 · Heft 41 (9.10.1866) · p. Seite 651

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 41 (9.10.1866)
Date
1866-10-09
Page
Seite 651 (sequence 9)
Language
German
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651 Frankreich. Pari-, im September. (Privatmitth.) Es ist Ihren Lesern hekannt, daß Hierselbst zwei neue große Synagogen, und zwar zur Hälfte aus Communalmitteln, zur Hälfte auf Actien gebaut werden. Zu diesem Behufe wurde der Gedanke ins Auge gefaßt, eine Vereinigung der beiden Riten, des deutschen und des portugisischen, zu bewirken, um in diese Tempel jene Spaltung nicht noch einmal einführen zu müssen. Deshalb erwählte das Consistorium von Paris eine Commission um desfallsige Pläne zu entwerfen, und Verhandlungen zu führen. Es versteht sich, daß hiermit der Bestand der bisherigen portugisischen Synagogen der Kue de Lamartine nicht im Geringsten angetastet Werden soll. Demungeachtet erheben die sogenannten Conservativen ein gewaltiges Geschrei gegen diesen Versuch. Nach ihnen hängt das ganze Heil Israels an der Aufrechterhaltung dieser Trennung in zwei Lager, jede Hand, die zur Versöhnung und Ausgleichung ausgestreckt wird, ist tempelschänderisch und gotteslästerisch, kurz, diese Commission ist eine Gefahr für die Religion. In diesen Tagen erschien eine Broschüre von einem Herrn Prosper Lunel: Consid^ration sur le culte israölile, fusion des rites. Paris, 1866., welche furchtbar in die Allarmdrommete stößt. Sie ist sehr energisch geschrieben, aber ebenso unzusammenhängend, einige wenige Gedanken immer wiederholend und ein Zeugniß von der völligen Unwissenheit, in der diese Art von Conservativen entweder steckt, oder auf welche sie speculirt. Der Verfasser scheint zu glauben, daß die Trennung der beiden Riten -sich vom Sinai herdatirt, und durch die Thorah und den Talmud geboten ist. Denn er erklärt es als ein Verbrechen. gegen die Thorah und den Talmud, gegen das schriftliche und mündliche Gesetz, wenn das geringste Unterscheidungszeichen der beiden Riten aufgehoben werde. Da nun auf diese Weise der Berf. sich doch weder auf die Thorah und den Talmud, noch auf die Vernunft und das sittliche Bewußtsein berufen kann, so nimmt er seine Zuflucht zur — Staatsgewalt, und verlangt vom Minister der Culten, nicht etwa, daß die Entwürfe jener Consistorialcommission oder die Beschlüsse des Consistoriums, wenn jene zu diesen erhoben würden, von Seiten des Ministers für ungültig erklärt würden, sondern daß der Mnister schon jetzt diese Commission verbiete und deren Auflösung befehle! Dies ist gewiß stark — denn eine einfache Berathung unterdrücken zu sollen, ist ein Verlang gen, das den Despotismus in nacktester Weise fordert. Es ist ein klägliches Zeugniß der eigenen Schwäche und ein Zugeständniß zugleich, daß die allgemeine Zustimmung für jene Fusion ist, wtznn man in religiösen Dingen die politische Behörde zu solchem Verfahren auffordert. Es ist eine Erklärung der Unmündigkeit in religiösen und politischen Dingen, wenn man zu solchem Gebühren seine Zuflucht nimmt. Jedem echtz conservativen jüdischen Herzen muß ein solches Vorgehen mehr Schmerz verursachen, als der Ersatz irgend eines Gebetes aus dem aschkenasischen Ritus durch ein solches aus dem portugisischen Ritus. Uebrigens erinnere man sich, daß die Spaltung der beiden Riten von viel nachhaltigeren Wirkungen gewesen, als-irgendeine Reform in Deutschland. Die beiden Riten hatten nicht allein gesonderte Gotteshäuser und Schulen, sondern auch gesonderte Wohlthätigkeitsanftalten und bis zur jüngsten Zeit fand keine Verheirathung zwischen den Anhängern der beiden Riten statt, wurde wenigstens überaus ungern gesehen und womöglich mit Nachtheilen besttaft. Das Leben ist freilich stets flüssiger und energischer als das Dogma und was von diesem abhängt. Es hat bereits von den beiden letzt erwähnten Scheidungsmomenten Vieles hinweggeräumt, und Juden mit Juden wieder vereinigt, welche die leidige Consequenzmacherei unserer Väter so weit getrennt hatte, eine Trennung, welche die lange Dauer zwar in der Wirklichkeit, weniger aber im Bewußtsein betrübend und lästig gemacht hatte. Aber auch das Leben hat seine Consequenz und verlangt zuletzt, wo es eine Spaltung nicht mehr fühlt und anerkennt, auch die letzten Spuren derselben verwischt zu sehen. — Ist es übrigens den Gegnern jener Fusion nicht blos um Zank und Gewalt, sondern um Wahrheit und religiöse Befriedigung zu thun, so mögen sie die Schrift des Dr. Zunz „die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (Berlin, Springer 1859) studiren. Sie werden daraus Zwiefaches lernen: 1) daß die feste Gestaltung der beiden Riten verhältnißmäßig erst sehr jungen Ursprungs ist, und 2) daß länger als ein Jahrtausend der jüdische Gottesdienst mit seiner Gebetordnung und seinem Gebetinhalt durchaus flüssig und schwankend gewesen, wozu noch kommt, daß sehr Vieles in demselben durchaus nicht von wirklichen Autoritäten herstammt, sondern oft von Horbetern und sehr lokalen Behörden, und im Widerspruch mit den Rabbinen von gewichtigstem Ansehen 41

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