Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1866)
- Date
- 1866-10-09
- Page
- Seite 645 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226569--24316-3251668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'AI 645 füllung für ihn ein hohes Verdienst liegt, und daß er in diesem Bewußtsein den Vorwurf des Separatismus als ganz ungerechtfertigt.ctuf den zurückwerfen kann, der ihn ihm macht, von welchem allgemeinen Standpunkte aus dieser es auch thue. Vergessen wir nicht, daß überhaupt die Verpflichtung gegen die Religion ebenso eine Gefühlsunterlage wie die Familie, das Vaterland und der Nebenmensch hat, also nicht blos auf den durch den Verstand begründeten Forderungen und Schlüssen beruht. Die Religion ist das VerhLltniß des Menschen zu Gott. Dieses Verhältniß reicht dem Menschen über drei Welten, über sein Werden, sein irdisches Dasein und seine Existenz nach dem Tode. In Gott findet er den Grund und das Ziel seines Daseins. Es ist das ganze Heil seiner Seele und die Fügungen seines Geschickes, die er hier suchet. Wie er dieses Verhältniß in seiner Religion begreift und es ihm zur Ueberzeugung wird, erscheint ihm als die alleinige Wahrheit, er verdankt diese der Religion und sieht sie als die Spenderin und Trägerin der Wahrheit an. Sie steht an seiner Wiege, sie begleitet ihn Schritt vor Schritt durch das Leben, sie heiligt ihm alle bedeutungsvolle Akte, sie tröstet ihn in seiner Trauer, richtet Ihn auf in seinen Bedrängnissen und trägt ihn auf ihren Schwingen über den Todeskampf hinaus. Wie könnte man nun demjenigen, welcher seiner Religion mit ganzer Liebe anhängt und ihr mehr als den Zehnten seiner Kräfte widmet, eines separatistischen . Gelüstes zeihen, wenn er hiermit für den ganzen übrigen Kreis seiner Pflichten durchaus nicht abgestorben ist, vielmehr gerade aus Religion ihnen um so mehr genügt! Für den Juden kommt aber noch eine Menge anderer Momente hinzu. Das Judenthum ist die Religion einer Minorität, einer über alle Länder der Erde zersplitterten Minorität, der es einerseits an jedem Mittelpunkte und an jeder äußern Organisation fehlt, die andrerseits durch die frühere Stellung ihrer Bekenner jedes Grundbesitzes ermangelt, der Unterstützung aus Staatsmitteln mit geringer Ausnahme nicht theilhaftig ist, und endlich von allen Andern immerfort bekämpft wird. Daß unter solchen Umständen das Judenthum, wenn es bestehen und eines kräftigen Lebens sich erfreuen soll, ungleich mehr Opfer an Geldmitteln wie an energischer Bethätigung erfordern muß, als jede andere Religionsgenoffenschaft, ist leicht einzusehen. Schon die, bloße Begründung und Erhaltung seines Cultus wird umfassende Belastung nöthig machen. "Ebenso wenig kann von ihm wie von irgend einer religiösen Gemein-« schast ein Schulwesen getrennt werden. Eine jede Religion will gelehrt werden, und ohne daß wir hier in die Frage der Confessionsschule eingehen, wird das Bestehen der nichtjüdischen Confessionsschulen schon an sich auch die jüdische Confessionsschule nothwendig machen. Jedenfalls aber fordert der religiöse Unterricht und die religiöse Erziehung Befriedigung. Damit sind aber wieder auch höhere Anstalten vorausgesetzt, auf welchen die Lehrer der Religion in ihren verschiedenen Abstufungen gebildet werden. Mit einer jeden Religionsgenossenschaft sind aber auch gewiffe Wohlthätigkeitsanstalten untrennbar verbunden. Schon a priori muß eine jede Religion, so wie sie ihre Gottesverehrung in einen Cultus verkörpert, so auch ihre Lehre von der Menschenliebe und Barmherzigkeit in eigener Bethätigung dem Individuum vorbilden. Hierzu kommt die geschichtliche Entwickelung der Wohlthätigkeitsanstalten aus den Religionsgemeinden heraus. Für die Juden eröffnet sichaber, noch' eine auf ihre Glaubens- und Stammesgenossen besonders gerichtete Wohlthätigkeit aus ihrer Stellung heraus, in welcher sie vom Genüsse vieler öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalten und von der Privatwohlthätigkeit ausgeschlossen sind, so daß die Bedürftigen vielfach auf ihre Glaubens- und Stammesgenoffen angewiesen sind. Es trifft also hier die uralte starke Betonung der Wohlthätigkeit in der Lehre des Judenlhums und deren Ausübung mit den noch immer vorwaltenden gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen, um den Juden große Opfer für die Werke der Barmherzigkeit aufzulegen, und vielleicht liegt es gerade in diesem Zuge ihrer Religion und der dadurch hervorgebrachten Richtung, daß die Juden darum dennoch den Anforderungen auch aller allgemeinen wohlthätigen Zwecke anerkanntermaßen mit großer Willigkeit genügen, also das separate Thun der allgemeinen Pflicht nur förderlich, und darum um so weniger separatistisch ist. Daß endlich zu allem Diesem sich noch diejenigen Forderungen gesellen, welche einerseits zur Weckung, Fortbildung und Hebung des geistigen Lebens im Judenthume z. B. der jüdischen Literatur, andrerseits zur Abwehr von Angriff und Verfolgung, in welchem Theile der Welt diese auch auftreten, abzwecken, kann nur die Bethätigung im Judenthume steigern, wird aber niemals als Separatismus gescholten werden dürfen. Denn fürwahr! Das müssen wir erkennen, daß mit der rechten Durchführung aller dieser Aufgaben für das allgemeine Reich der Wahrheit, der Sittlichkeit, der Veredelung 41*