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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-10-02 · Heft 40 (2.10.1866) · p. Seite 635

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 40 (2.10.1866)
Date
1866-10-02
Page
Seite 635 (sequence 9)
Language
German
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wenigsten aber an dem bei den Israeliten so hoch gehaltenen Versöhnungstage, am Platze gewesen sein. Aus Böhmen und Mähren, im September. Nicht. überall sind die, nach dem Abzüge der Preußen gefürchteten Excesse in Böhmen und Mähren ausgeblieben, und wir haben heute wieder traurige Berichte darüber,zn.liefern, Die.„Presse" erhielt aus Prag vom 17. Sept, Abends folgendes Telegramm: Die Excesse des Pöbels dauerten bis halb 8 Uhr Abends, wo der Regen die Haufen auseinandertrieb. Durchpassirende Juden wurden gebrandschatzt und mißhandelt.^ Man befürchtet anläßlich des morgigen jüdischen Versöhnungsabends größere Excesse. Unter dem 18. schreibt sie hierüber folgendes: Unter dem Pöbel der österreichischen Hauptstädte verdient bekanntlich der von Prag vorzugsweise den Namen des „süßen". Er verabsäumt keine sich darbie- - tende Gelegenheit zu Excessen. So auch jetzt. Während sehr viele Orte unserer nördlichen Provinzen vom Feinde besetzt waren, und Lheilweise noch find, und fast überall in den unteren Schichten Noch und Elend herrschen, wurden Excesse doch nur aus Prag gemeldet. Es nehmen dieselben so große Dimensionen an, daß man sich ernsten Besorgnissen hingibt. Die Motive sind immer dieselben : Unbezähmbare Sympathie mit fremdem Eigenthum und Antipathie gegen die Juden. In - den letzten Tagen wurden in Prag von den abziehenden Preußen große Quantitäten requirirter Güter, besonders Bictualien, verkauft.', und gingen daher in den Besitz von Privaten über. Das steigerte den Muth des czechischen Pöbels, der schon lange die aufgestapelten Vorräthe lüsternen Blickes betrachtet hatte, und es wurden die zur Ueberführung des Proviants verwendeten Wagen angesallen, theilweise geplündert, und die Magazine förmlich gestürmt. Wie immer, so auch bei diesem Anlaß, ging es gegen, die Juden, von denen mehrere beraubt und mißhandelt wurden. Für heute Abends befürchtete man aus Anlaß des jüdischen Versöhnungsfestes einen Hauptsturw gegen die Judenstadt, und es heißt, das deßwegen der für heute besümmt gewesene Abzug der Preußen bis zur Ankunft der österreichischen Truppen, welche morgen Früh stattfinden soll, verschoben wurde. Nach der Haltung der Preußen gegenüber den Excessen der letzten Tage, und bei dem geringen Interesse, welches die Erhaltung der Ruhe , in Prag für die abziehenden Preußen in sich sfließt,. gehört eine verbesserte und vermehrte Auflage der Excesse für heute Abends durchaus nicht zu den Unmöglichkeiten. Die meiste Hoffnung kann man noch auf die Prager Stadtrepräsentanz setzen, welche auch jetzt,-wie während der ganzen Dauer der feindlichen Occupation, mir anerkennenswerther Umsicht und Energie einschreitet. Wir wollen hoffen, daß es heute Abends gelungen ist, die bösen Leidenschaften der Hepp-Hepp-Schreier im Zaume zu halten. Unsere morgen in Prag einziehenden Truppen werden dann wol dem Spuk ein schnelles und vollständiges Ende beretten. Daß die Juden-Verfolgungen in Prag mit dem Deutschenhaß in naher. Verwandtschaft stehen, ist bekannt, und es kann daher eine gewisse Partei von der Schuld an ersteren nicht ganz freigesprochen werden. Ueber einen Exceß, der am 13. d. in Loschitz (Mähren) stattfand, wird von dort berichtet: Als am letzten Donnerstag einige. betrunkene Bauern zwei Preußen anfielen, sich ihrer Zündnadelgewehre bemächtigten, mit denen sie auf der Straße nach Loschitz gingen, begegneten sie dem Sohne eines hiesigen israelitischen Bürgers M. zu Pferde und fingen nun mit diesem Händel an, indem sie ihn einen Spion nannten, vom Pferde herunterrissen und mit den Gewehren so erbärmlich zurichteten, daß er Halb todt auf dem Boden liegen blieb. Durch das Geschrei hatte sich nun ein nicht zarter Pöbelhaufe herangedrängt, welcher die zu Hilfe herbeigeeilte Familie des jungen Mannes mißhandelte. Wie sich später herausstellte,* war unter der Hefe des Volkes eine förmliche Verschwörung gegen die Juden angezettelt worden. Der Rabbiner der.israelitischen Gemeinde begab sich, die drohende Haltung des Pöbels nicht scheuend, auf das Rathhaus, um Hilfe und Schutz für die Juden bittend. Der Pfarrer und Bürgermeister begaben sich sogleich auf die Straße und chrem gütigen Zureden gelang es, die aufgeregte Volksmenge zu zerstreuen. — Schon war Alles ganz ruhig, als eine neue Schreckensbotschaft die Aufregung wieder anfachte. Ein hiesiger Insasse wollte nämlich sein angeblich für die Juden geladenes Gewehr probiren und traf damit aus Versehen einen christlichen zwölfjähri-. gen Knaben, der sogleich mit den Heiligen Sterbesacramenten versehen werden mußte. Bei dieser Gelegenheit hielt nun der Herr Pfarrer eine Ansprache an das Volk, indem er diesen Vorfall als einen göttlichen. Fingerzeig darstellte. — Die gerichtliche Untersuchung ist bereits eingeleitet, viele Jnculpaten sind schonfgefänglich eingezogen, und die Ruhe wieder hergestellt. 40' |

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