Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1866)
- Date
- 1866-10-02
- Page
- Seite 629 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kraft nur in großer Emseitigkeit verkannt und verneint werhen könnte. (Fortsetzung folgt.) Die .Excesse in Oesterreich. Die heutige Nummer bringt abermals betrübende Berichte über Mißhandlungen von Juden in Böhmen und Mähren. Glücklicherweise hat sich die Fortsetzung der Excesse in Prag, wo diese übrigens von der Aufregung gegen die Käufer preußischer Vorräthe ausgingen, nicht bestätigt. Hingegen berichtet .ein Telegramm vom 20.: „Privatnachrichten zufolge, haben auch in Horowitz Judenexceffe stattgefunden. Nachdem bereits wiederholt kleinere Tumulte vorgekommen, wurde Gendarmerie und Militär requirirt." Solche Vorgänge, die wir nunmehr vor dem Kriege, während desselben und nach ihm erlebten, müssen endlich die höchste Entrüstung Hervorrufen.. WÄm ein Staat Unglück und Niederlagen von außen her erfährt, so liegt dies in der Lage der Dinge, denn Sieg und Verlust wechseln in den Geschicken der Staaten. Wenn aber ein Staat nicht einmal die öffentliche Sicherheit des Eigenthums und des Lebens aufrecht zu erhalten vermag, wenn" es jedem Pöbelhaufen bald in dieser, bald in jener Stadt möglich ist, ruhige, schuldlose Bürger zu mißhandeln und ihres Eigenthums zu berauben — dann wissen wir nicht, wozu der Staat existirt und wofür der Bürger die schweren Lasten desselben trägt? Es ist die erste Aufgabe und Pflicht des Staates, an allen Orten, groß oder klein, solche Einrichtungen zu treffen, und sie mit aller Schärfe des Gesetzes und allem Nachdruck der obrigkeitlichen Gewalt aufrecht zu erhalten, daß der Bürger friedlich und gesichert zu leben und in gesetzlicher Weise zu schaffen und zu arbeiten vermag. Allerdings ist auch der bestorganisirte Staat nicht im Stande, alle Verbrechen zu verhüten, und im Geheimen schleichende Missethäter unschädlich zu machen. Aber wo im Lichte des Tages und auf offner Straße, unter dem Angesichte der Ortsbehörden und in der Verhöhnung aller Gesetze Gewaltthaten geschehen, sich immer wiederholen, immer von Neuem wieder beginnen — da ist der Staat, da sind die Behörden, die hohen und die niederen, verantwortlich, und auf sie fällt nicht minder dieser dunkle Fleck, wie auf die schändlichen Pöbelmaffen ihres Volkes! Ob die Mißhandelten Juden oder Christen, Deutsche oder Czechen sind, bleibt sich völlig gleich. Und fürwahr, lasset diesen Mob heute nur seinen Muth an Juden kühlen, morgen wird er sich gegen Andere richten, und mit der Zeit die ganze bürgerliche Gesellschaft untergraben! Wir haben in d. Bl. vor einiger Zeit nachgefragt, ob denn nicht in Oesterreich das Gesetz existire, daß die Gemeinden für den angerichteten Schaden aufkommen müssen? Wir haben keine Antwort erhalten. Also muß es nicht bestehen. Dann freilich ist uns die Ruhe erklärlich, mit welcher meist die Ortsbehörden den Vorgängen zusehen. Wir hatten neulichst zu berichten, daß die österreichische Regierung gegen die Excesse in Bukarest protestire. Wir waren ihr dankbar dafür. Wer aber protestirt in Oesterreich gegen ähnliche Ausschreitungen?! Die Seminarsrage. Wir erhalten fortwährend Berichte aus den Gemeinden Westfalens und der Rheinprovinz, die sich gegen die Betheiligung nach dem Statute der Marks-Haindorf'schen Stiftung erklärt haben, so daß wir diese Ablehnung wohl als eine allgemeine ansehen dürfen. Dies ist aber immer erst nur die negative Seite. Es lag in der Natur der Sache, und würde gegen allen Charakter, gegen alle vernünftige Einsicht gestritten haben, wenn anders verfahren worden wäre. Aber um so wichtiger ist nunmehr die positive Seite. Es muß doch nun Etwas geschehen, um die Sachlage zu veränderndes muß guter Wille und Thatkraft erwiesen werden, um im Nothfalle selbst Etwas zu schaffen. . Würde -dies nicht geschehen, so würde dadurch der guten Sache nicht allein ein zwiefacher Schade verursacht, sondern die bisherige Demonstration fiele geradezu ins Lächerliche. Nein sagen, ist keine Heldenthat, diese beginnt erst, wo man mit Energie und Opferwilligkeit für das Bessere 'faktisch eintritt. Dies erwarten wir nunmehr. Man hat von einigen Seiten her den Redakteur dieser Zeitung aufgesordert, die Sache in die Hand zu nehmen, und die Gemeinden zu einem Zusammentritt von Vertretern zu veranlassen. Wir halten dies nicht für sachgemäß, da wir wissen, wie empfindlich man oft ist, irgend eine Persönlichkeit, die Initiative ergreifen zu sehen. Wir überlassen dies vorerst irgend einer thatkrästigen Hauptgemeinde der beiden Provinzen, erklären uns aber stets bereit, sobald es ge- 40*