Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1866)
- Date
- 1866-09-25
- Page
- Seite 623 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226567--24292-3251642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der das. Allerherligste steht, hat am - oberen. Theil eine Galerie für den Chor und für die nicht sichtbare Orgel. Zauberisch wirkend ist die Beleuchtung, die zwischen den gemalten Seiten- und Kuppelfenstern angebracht ist und verstärkt wird durch mächtige Candelaber und mit Milchglocken umgebene Gasflammen. Hinter der. heiligen Lade liegt der Trausaal. Außerhalb enthält das Gebäude die Büreaux der Gemeindeverwaltung, Wohnungen für Kastellan und Portier und einen Sitzungssaal für die Versammlungen der Gemeindevertretung. - Am 5. Sept. um 11V2 Uhr Morgens wurde dieses herrliche Gebäude seiner Bestimmung übergeben. Blumen und Kränze, kostbare Topfgewächse in künstlerischer Anordnung schmückten die Eingänge und die Vorhalle. Dicht gefüllt war der Raum theils von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, theils von den geladenen Ehrengästen. Unter den letzteren bemerkten wir den Grafen Bismark, Minister v. d. Heydt, Feldmarschall Wrangel Polizeipräsident v. Bernuth, den Oberbürgermeister Seidel, außerdem Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung und viele Abgeordnete, unter ihnen Forkenbek, Dr. Kosch, Johann Jacoby. Ein von dem Organisten Schwantzer componirtes Präludium eröffnte die Feier.*) Darauf stimmte der Chor unter Leitung des Königl. Musikdirektor Lewandowski und begleitet von der Orgel und Blechinstrumenten das boruoli habboli und ma tauwu an, unter deren Klängen der Einzug der geschmückten Thorarollen stattfand. Voran schritten zwei Synagogendiener mit brennenden Kerzen, denen der neue Vorbeter und, inmitten zweier Vorstands-- mitglieder, der neue Rabbiner Dr. Aub folgten. Ihnen schlossen sich die Mitglieder des Vorstandes und .der Repräsentanten, welche Thorarollen trugen, an. Die Träger derselben stellten sich zu beiden Seiten des Allerheiligsten auf und der Rabbiner sprach die Benediktion. Der Chor sang, das Schmäh Israel und beim Umzuge der Thora abwechselnd mit dem Vorbeter: vnno adaiinoj hauschionoh. Jetzt wurde die heilige Lade geöffnet und unter den erhabenen Klängen der Psalmenworte: „ssoub scheorim“ übergab man die Thorarollen dem heiligen Schrein. Bei Schließung der Lade sprach der Rabbiner das dazu gehörige-«Gebet deutsch und hebräisch. Der *) Leider konnte Herr Schw. nur die ersten Takte seiner vortrefflichen Composition spielen-, da die Träger, der Thorardllen unerwartet schnell eintraten, welche mit dem Gesänge des „borucli habböh“ empfangen werden mußten. Chor schloß mit den hebräischen Versen: hacbiwemu adonoj. Nun folgte die Predigt, die eingeleitet wurde durch' ein tiefergreifendes Lied, deffen ersten Vers wir hersetzen. „Es zieht ein heilig Sehnen ' Zn Dir, 0 Gott, uns hin, Der Juda's Leid und Thränen Gesehn vom Anbeginn. Wir fühlten oft uns einsam Und fremd auf Erden hier, Doch hielten wir gemeinsam In Liebe, Herr, zu Dir." Zuerst gedachte der Redner der Männer, welche sich durch ihre Bemühungen um den Bau des Tempels verdient gemacht, denen es aber nicht vergönnt gewesen ist, seine Vollendung zu erleben. Er nannte die Namen: Sachs, Veit, Knoblauch, Stüler und ging nun zu der eigentlichen Predigt über, der er als Text den 9. Vers des 2. Capt. im Propheten Haggai unterlegte: „Größer wird sein die Herrlichkeit dieses zweiten Hauses als die des ersten, spricht der Herr der Heerscharen, und an diesem Orte werde ich Frieden geben." Der Redner ‘ führte aus, nicht nur durch die äußere Pracht habe der zweite Tempel einen Vorzug vor dem ersten gehabt, nein, auch durch den veredelten Cultus gebühre ihm der Vorrang vor jenem, denn zu den Opfern seien noch Gebet und Belehrung getreten. Fester als der erste Tempel habe der zweite das Band des Glaubens, der Liebe und Treue um alle seine Anhänger geschlungen, seltener sei daher der Abfall von Gott in dieser Zeit gewesen als in der früheren. Nun ging er auf den zweiten Theil des Textes über. Friede den Nahen, so rief er aus, Friede den entfernt Stehenden, und entwickelte in innigen, herzlichen Worten wie sich das Wort des Propheten: „An diesen Orte werde ich Frieden geben" erfüllen solle auch in unseren Zeiten nnd durch dieses Gotteshaus. Es war der Geist ächter Humanität, der aus den Worten des Redners uns wohlthuend entgegenwehte. Mag dieser Tempel, so schloß derselbe, die ächte Jakobsleiter sein, auf der die Gebete der Gläubigen als ^flehende Engel hinaufsteigen, möge die Erfüllung dieser Gebete als segnende Engelsschaar herniederschweben. Nun folgte das Weihegebet und der letzte Vers des angeführten Liedes, worauf das Mincha-Gebet verrichtet wurde. Den Schluß bildete der 150. Psalm. Da der musikalische Theil der Feier von hoher Bedeutung war, so sei es uns gestattet auch über ihn noch einige Worte zu sagen. Mit Ausnahme des Schmäh I: Israel waren alle Gesänge von dem Musik-Dir. Lewan-