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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-09-18 · Heft 38 (18.9.1866) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 38 (18.9.1866)
Date
1866-09-18
Page
Seite 606 (sequence 11)
Language
German
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beim er entsprang aus eittetn glühenden Glaubens Weit davon entfernt den Dogmatismus schwächen zu' wollen, bezeichnete die Reformation eine Wiedergeburt des disü'nctlvsten christlichen Geistes. Die Bewegung im 19. Jahrhundert hingegen geht von einem Gefühl aus, das der Gläubigkeit diametral entgegen gesetzt ist; und wird nicht neue getrennte Secten oder Kirchen erzeugensondern. eine Milderung in särgmtlichen bestehenden Kirchen. Die scharfen Gegensätze vermehren die Verfolgungssucht der Orthodoxie und rufen ReacttvneN hervor. Luther und. Calvin brachten die Caraffa, die Ghisliari, die Loyola, die Philipp II. Wenn unsere etablirte Kirche uns verläugnet, laßt uns nicht widerstreiten, danken wir den milden Sitten Unseres-Zeitalters, welche solchen Haß machtlos machen (?); trösten wir uns und denken an unsere unsichtbare Kirche, welche die heiligen Excommunicirten, die besten Gemüther jedes Jahrhunderts in sich faßt. Die Ausgestoßenen jeder Kirche sind, immer ihre Edelsten und Besten; sie gehen ihrer Zeit voran: der Ketzer von heute ist der Orthodox der Zukunft: Was bedeutet übrigens das Anathema der Menschen? Der himmlische Vater ächtet blos die vertrockneten Geister und die verschrumpften Herzen. Verschließt der Priester uns seinen Kirchhof, so mögen unsere Verwandten ja. nicht protestiren; Gott ist der Richter und die Erde ist eine gute Mutter, welche keinen Unterschied macht: der Leichnam eines guten Menschen ’ weiht auch den ungeweihten Winkel." „Gewiß, es giebt Situationen, wo es schwer ist diese Regeln zu befolgen, der Geist wehet, wo hin er will, der-Geist, das ist die Freiheit. -Ja, es giebt Personen, die an die absolute Gläubigkeit angeschmiedet sind : ich meine die ordinirten oder mit einem geistlichen Amt bekleideten Männer. Aber auch da findet eine edle Seele einen Ausweg. Ein würdiger Priester vom Lande gelangt durch einsames Nachdenken und reinen Lebenswandel dahin, den Buchstaben seiner Dogmen als Unmöglichkeiten zu erkennen, ist es seine Pflicht nun alle, die er bisher getröstet hat, zu betrüben, den Einfachen Meinungs-Aenderungen witzutheilen, die sie nicht fassen können? Gott behüte! Es giebt nicht zwei Menschen auf der Welt, die ganz und^gar dieselben - Pflichten haben. Der gute Bischof Colenso (in Natal,) der feine Zweifel niederschrieb, sobald sie ihm aufstießen, hat eine That der Redlichkeit ausgeübt, wie die Kirche sie seit ihrem Ursprung nicht erlebt hat. Aber der demüthige katholische Priesterin einem Lande von engem und niedergedrücktem ' Geist, Hat' die' Pflicht zu schweigen. O welche Tausende poetischer Vorbehalte, engelhaften Verstummend bergen viele bescheidene Grabstattert rings um die Dorflirchen! Und gleichen wohl die Verdienste derer, die sprechen müßten, denen jener, deren Süllschweigen Gott allein verstand?" - „Die Theorie ist nicht die Praxis.' Das Ideal bleibe das Ideal, es scheue die befleckende Berührung der Wirklichkeit. Gedankendie denen angemessen sind, die vor jeder sittlichen Gefahr durch sich selbst geschützt^ sind, können gefährlich für diejenigen sein, die vom Niedrigen berührt sind. Die Kraft des Menschen ist beschränkt und große Dinge kann man nur Mit scharf abgezeichneten Ideen ausrichten: ein Mensch ohne alle Vorurtheile wäre unfähig zur That. Genießen wir der Freiheit der' wahren Kinder Gottes, hüten wir uns die Tugenden vermindern zu helfen, die die Menschheit zu verlassen drohen, wenn'das Ehristenthum schwinden würde. Was wären wir ohne es? Wer sollte die großen Schulen der Ehrfurcht und des heiligen-Ernstes wiederherstellen, wie die von St! Sulpice, die Schulen der Selbstaufopferung wie die Stiftung der barmherzigen Schwestern? Erschrecken wir nicht vor der Herzensdürre und der Kleinheit, die die Welt beherrschen würden? Unser Gegensatz gegen die Personen, die an den positiven Religionen hängen, ist am Ende doch nur ein wissenschaftlicher: im Gebiete des Herzens sind wir einig — wir haben nur einen Feind, und auch der ist uns gemeinschaftlich: ich meine den vulgären Materialismus, den niedrigen Eigennutz der Menschen." „Im Namen Gottes nun: es sei Friede! Mögest die verschiedenen Reihen der Menschen neben einänder leben; nicht indem sie ihre Innerlichkeit verfälschtst und durch gegenseitige Concessionen schwächen; sonderst indem sie sich mit einander vertragen. Hienieden möge kein System absolut herrschen und seine Gegen-' sätze verdrängen; keine Kraft sei da, um die Anderen zu unterdrücken. Die Harmonie des Menschengeschlechts entsteht aus den dissonirendsten Tönen. Tödtet die Orthodoxie die Wissenschaft, so sehen wir das Ergebniß in Spanien und in der Welt des Islam, welche beide dieses Streben zu gewissenhaft ausgeführt haben. Wollte der Rattonalismus die Welt leiten ohne Rücksicht auf die religiösen Bedürfnisse des Gemüths, so zeigt uns die Erfahrung der ersten französischen Revolution die unvermeidliche Folge. Der auf's Aeußersttz

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