Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-09-18 · Heft 38 (18.9.1866) · p. Seite 605

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 38 (18.9.1866)
Date
1866-09-18
Page
Seite 605 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226566--24272-3251621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

: Hamburg, im August. (Privatmitth.)*) Ich habe nun. auch Renan's zweites Werk über die Entstehungsgeschichte des Christenthums ,,die Apostel" gelesen und möchte auch den allgemeinen Eindruck wiedergebenden es auf mich gemacht hat. 'Nomanenhast genug, doch dies nicht ganz so sehr ist es wie sein,Mhen Jesu" und wenn der Geist der jetzigen französischen Literatur dergleichen auch einigermaßen erfordert, so glaube ich doch nicht, daß es nöthig war, das so ganz hypothetische Liebesverhältniß zwischen Jesus und Maria aus Magdala noch nach dessen Tode auszubeuten, in dem Grade daß der ganze Auferstehungsmythus auf den Liebeswahnsinn dieser Frau begründet wird. Für unsere jüdischen Vorfahren ist es keinesfalls ein Compliment, wenn man annimmt, daß ein eheloser Mann, der einige Jahre mit einem Haufen leichtlebiger Frauenzimmer herumreiset, bei irgend einem Theil derselben eine heilige, eine Messiasrolle habe spielen können. Jesus konnte wegen seiner Geburt nach mosaisch-rabhinischen Gesetzen keine legitime Ehe schließen, außer mit Frauen, die im gleichen Fall waren. Das ist Alles und daher auch ein großer Theil seiner bisweilen auflodernden Erbitterung gegen diese Gesetze. Aber nun auch factische Geschlechtsverhältniffe anzunehmen, das ist nicht allein grausam, sondern auch costumwidrig. Jesuse, der überhaupt als ein Opponent innerhalb des Pharisäismus, nicht außerhalb desselben geschildert wird, wirst, den Evangelienbüchern zufolge, demselben beständig schädliche Uebertreibungen und verkehrte Anwendungen: vor., Wenn ihr, so sagt er in seinen Berg- und anderen Reden, Zäune und Erweiterungen um das Gesetz Herum machen zu müssen glaubt, wenn ihr sogar allgemeinen einfachen Hausgebräuchen, wie dem Händewaschen, einen sinaitischen Ursprung (asoker kiddeschaau bemizwotaw) unterlegt — warum denn bei blos äußerlichen Ceremonien stehen bleiben, warum euer System nicht auch, auf höhere moralische Gesetze anwenden? Warum sagt chr nicht: auch den Feind zu lieben ist geboten; auch eine Geschiedene heirathen ist Ehebruch; auch wahr zu schwören ist Sünde; auch thätliche Gegenwehr ist unerlaubt; auch die zweite *) Unser verehrter Corresp.„ der älteste Mitarbeiter dieses Blattes, ersucht uns, keine Bemerkungen zu diesem Arükel zu machen. Und doch ruft er; unser Hamburger Corresp. , in der Originalität seiner Gedanken und Beobachtungen am ehesten zu Randglossen. auf. Wir fügen uns seinem Verlangen. - . Redakt. m Wange dem Schläger, auch den Mantel dem Räubev des Oberkleides anbieten ist geboten? Da ist ein Feld für neue Erweiterungen, da könntet ihr Beifall ernten! In dieser ironischen Weise mag ein Rabbi aus Galiläa die zeitgenössischen hauptstädtischen Schristgelehrten. persifflirt haben. Uebertreibung gegen Uebertreibung! So hat die sog. Bergpredigt einen praktischen Sinn! Hinsichtlich der jüdischen Bevölkerung jener Zeit zeigt Renan sehr schwankende Anschauungen. Bald ist ihm die jüdische Religiosität die reinste, die wahrste, die nur denkbar ist, bald wieder ein Abgrund von Aberglauben und Fanatismus. Bald ist^ das Volk eine Vereinigung idyllisch lebender Familienväter, bald ein Haufe grübelnder Theologen, bald ist die jüdische Idee ganz autochthonisch, bald ist sie zusammengebettelt bei anderen Völkern, bald sind die Pharisäer, bald die Sadducäer — diese beiden Benennungen ganz ohne Kritik angenommen — die echten Väter dieser Idee. Kurz seine Darstellung ist ein Wollengebilde, das jede Minute eine andere Gestalt annimmt. _ Selbst Paulus, der wahre Stifter der christlichen Religion, ist ihm bald ein inspiriter überzeugter Mann, der seinen Tag von Damaskus in seiner Seele ehrlich durchlebt hat, und bald — und das zumeist — ist er einer von den damals sehr häufigen Göttermachern, ein Wunderspieler wie heutzutage ein chassidäischer Rabbi in Galizien, der durch Umstände begünstigt, seinen zahlreichen Concurrenten, insbesondere dem Simon Magus, den Rang abläust. Am Meisten hat mich Renan's Standpunkt mitten im exclusivsten Katholicismus frappirt. Es giebt für ihn gar kein anderes Christenthum als das römifchpapistische. Erasmus , Melanchthon, Bayle, Lessing, Herder, Schleiermacher exiftiren gar nicht für ihn, die ganze Reformation in ihrem Fortschrittsprincip ignorirt er fast ganz, zwar, wie es scheint, ganz unwillkührlich. Für ihn giebt es als Fortbildner des Christenthums nur den Thomas von Aquino, Franz von Assist u. s. w. Als Beleg diene folgende Stelle, der Schluß der Einleitung. - „Die Religion aber, die gar keine besondere Secte und Kirche sein , will, sollte sich den Unzuträglichkeiten einer Stellung aussetzen, deren Vortheile sie nicht genießt? sie . sollte Fahne, gegen Fahne erheben, wenn sie' überzeugt ist, daß jeder Mnsch überall gerecht und selig sein■, kann? Der Protestantismus konnte im 16. Jahrhundert zu einem offenen Bruch gedrängt sein, 38*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.