Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1866)
- Date
- 1866-09-18
- Page
- Seite 598 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226566--24265-3251614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
berührte Punkte in formeller Beziehung, in denen ich zu einer abweichenden Ansicht hiermit mich bekenne. Sie halten es' für selbstverständlich, daß, während die wesentlichen Momente des Constictes in der Verhandlung begriffen sind, wir Juden zurückhalten muffen. Das halte ich. nicht für rathsaw. Wir dürfen keinen Augenblick länger warten, um mit unfern gerechten Forderungen vorzugehen. Gerade der jetzige Moment ist der allergünstigste für uns. Wir müssen schon jetzt in der jüdischen und in der ganzen liberalen Presse unsere Stimme erheben für die Verwirklichung der verdienten und verheißenen Gleichstellung. Schon jetzt sollte eine von allen jüdischen Gemeinden des preußischen Staates Unterzeichnete Petition dem Abgeordnetenhause vorliegen, auf die Hingebung, die Begeisterung, die Todesverachtung hinweisend, deren wir für die Erhaltung, für die Größe, für die Ehre unseres Vaterlandes fähig sind. Wer namentlich, wie Schreiber , dieses, an der schlesisch-böhmischen Grenze, in der Nähe des Kriegsschauplatzes, aus welchem die letzten entscheidenden Schlachten geführt worden, domicilirt, der kann dem jüdischen Patriotismus ein Zeugniß ausstellen, wie es glänzender kaum möglich. Wir theiltLn mit fast allen — einige Katholiken sollen weniger im preußischen, aber ' desto Mehr im österreichischen Patriotismus sich ausgezeichnet haben ■, sollen nach der Schlacht bei Sadowa mit dem Herrenhaus geklagt haben, daß die schönen Tage zu Olmütz nun vorüber seien — Bewohnern der Provinz die alle unsere Fibern krampfhaft durchzuckende Gefahr, von' unserem preußischen Vaterlande getrennt zu werden. Der 27. Juni, der vom Könige angeordnete Buß- und Bettag führte sämmtliche jüdische Glaubensgenossen in die Synagoge und die schon. Jahrelang des Gebetes Entwöhnten, lernten da beten, herzinnig beten. Die jüdischen Reservisten und Landwehrmänner eilten zu ihren Fahnen, unter heißen ThräNen, aber mit pflichtfreudiger Ergebung Weib und Kind zurücklassend. Die jüdische Bevölkerung wetteiferte mit der christlichen, dieser oft vorangehend in der Darbringung der Liebesgaben für die Hinterbliebenen Landwehrfamilien, für die Verwundeten auf dem Schlachtfelds und in den Lazarethen. Da gab es keinen Unterschied der Confession. Die Juden Preußens kämpften gegen die österreichischen Juden auf Tod und Leben. Ich sah auf dem 'Schlachtfelde und in den Lazarethen christliche und jüdische Verwundete in brüderlicher Eintracht neben einander liegen, bluten, seufzen, ohne an dem Blut und! den Wunden den Racennnterschied zu merken, den man uns/ 'in Friedenszeiten octroyiren wilb Ms ich Mw eri sten Male das hiesige Lazareth besuchte, nach jüdischen Verwundeten mitfragcnd, um ihnen auch den Trost der Religion zu bringen, antwortete mir der Jnspector fast ungehalten/ er wisse nicht ob Juden da sein, die Militairverwaltung kümmere sich nicht um die Religion. Wird mandachte ich da, auch bei der Anstellung zu Staatsämtern nicht um die Religion der Aspiranten sich kümmern? Wird der Sieg unseres Vaterlandes, den wir durch unsere Opfer an Gut und Blut haben mit erringen helfen, auch als Sieg - unserer Gleichstellung mit den christlichen Cameraden anerkannt und consequent äusgenutzt werden? Wird der Schaden, der durch die Vergewaltigung der Juden .in die deutsche Eiche sich eingefressen, mit der Umgestaltung, der jetzt unser deutsches Vaterland entgegengeht/ nicht beseitigt werden? Angesichts der noch blutenden Wunden müssen wir die Entscheidung unseres Loses fordern, sonst kommen wir wie der Poet einen Moment zu spät, mit der zweideutigen Ehre „für eine Idee" gekämpft zu haben, mit leeren Händen von dannen ziehend. Aber nicht nur in der Zeit-, sondern auch in der Personenfrage kann ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten. Sie rechnen auf die jüdischen Gemeinden, daß sie sich vereinigen werden, um für ihre Interessen die nöthigen Schritte zu thun; ich glaube, daß auf die Gemeinden in dieser Beziehung wenig oder gar nichts zu rechnen sei, von selbst werden sie keinen einzigen Schritt thun. Sie, geehrter Herr Redakteur, seit Jahrzehnten an der Warte jüdischer Interessen stehend, Sie können, Sie müssen daS ganze jüdische Contingent jetzt zu den Fahnen einberusen. Sie sind wie kein Anderer berechtigt und darum verpflichtet den Geistessturm heraufzubeschwören und zu organisiren, um der deutschen Judenheit eine bessere Stellung im Staate und dem Judenthum eine würdigere Gestalt im Cultus zu verschaffen. Bald wird man Abgeordnete zum deutschen Parlament wählen, müßte man nicht jetzt schon Anstrengungen machen, daß Männer wie Sie da hineinkommen? daß wir namentlich ein Mandat für Sie erwirken, um die jüdischen Interessen vor dem Forum des deutschen Parlaments würdig zu vertreten? Die Blutarbeit ist vollbracht und eS gilt nun , an die Geistesarbeit zu gehen, um jene nicht umsonst verrichtet zu haben. Und wie viel giebt es da noch zu thun! Nicht nur mit den deutschen Negierungen, sondern auch mit dem deutschen Bürgerthum haben -wir Abrechnung zu .halten, letzterer Beziehung will ich nur. an das^ Eine-erinnern:-an das Recht der FreizügrgM. Roch heute-ist: chas Kömb-