Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1866)
- Date
- 1866-09-11
- Page
- Seite 590 (sequence 12)
- Language
- German
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: Diese Fraae aelanate vor sechs Jabren in Amerika zu practischer Bedeutung. Hier hatte sich im Jahre 1860 in der Gemeinde zu New-Orleans ein Verein gebildet, dem Andenken eines verdienten jüdischen Glaubensgenossen ein Standbildzu errichten.2 Die gutachtlichen Äußerungen über die gesetzliche Zulässigkeit fielen verschieden aus.3 Bemerkenswerth ist dabei, daß ein jüdischer Künstler in die Schranken tritt" und so pro aris et.föcis kämpst. Das ist eine Erscheinung, welche hier zum ersten Mal hervortritt und einen Lebensberus anzeigtwelchen das jüdische Volk zweifelsohne seit der Diaspora nicht in seiner Mitte gepflegt hat.5 Gerade deshalb diesen Berufszweig auch ferner nicht zu eultiviren, weil er in der Geschichte des Volkes bisher keinen Boden hatte/ liegt kein ersichtlicher Grund vor. Die bildende Kunst wird in diesem Betracht jeder anderen Kunst gleich berechtigt an die Seite zu stellen sein, und der Lorbeer, welcher das Haupt des jüdischen Eomponisten schmückt, und die Auszeichnung, welche der Jude auf dem Gebiete der Wissenschaften genießt, gereicht dem gesammten Israel zu keiner größeren Ehre und Erhebung, als die Schöpfungen der bildenden Kunst, die aus der Hand der jüdischen Meister hervorgehen. Die Errichtung von Standbildern' zum Andenken an Menschen ist bereits zur Zeit des zweiten Tempels im Gebrauch gewesen, und es verdient beachtet zu werden, daß Herodes Agrippa I (41 bis 44) die Bild- 2) Allgem. Zeit. d. Judenthums Jahrg. 1863 Nr. 8 und 9. 3) ibid.; ferner Bondi in Kobak's Jeschurun, hebräische Abtheil. Jahrg. V, S. 47 — 58. 4) Allgem. Zeit. d. Judenthums 1863 Nr. 8. 5) Das früheste Zeugniß künstlerischer Leistungen im jüdischen Volke lieferte das gegossene Kalb des Aharon und die eherne Schlange des Moses, daneben gleichzeitig der Bau der Stiftshütte; später sind zu bemerken das Götzenbild des Micha (Richter 17, 7), die Bildwerke am Thrönsessel der Königs Salomo, die Götzenbilder des Jerobeam und der nachfolgenden Könige. 6) Immerhin bleibt es interessant, daß die jüdische Sprache die „Kunst" als eine ideale Arbeit, eine geistige Thätigkeit auffaßt; — echt künstlerisch gedacht; vergl. 2wn nursn (2 B. M. 26, 1.), N2ÄM2 2wnb (Md. ■35, 32), r-i2wn?2 (idiä. 35, 33). Oder sollte das jüdische Volk in dem Maße sich der Kunstthätigkeit enthalten haben, als es dieselbe hochschätzte und in seiner Auffassung und Vorstellung gewissermaßen verklärte und vergeistigte? 7) Gemalte Bilder ihrer Kinder besaß schon die .fromme Königin Salome Alexandra (Joseph. Antt. XV, 2, 6.) säulen seiner Töchter besaß/' derselbe Agrippa, deit das Edict des Kaisers Ealigula rückgängig zu machen bemüht war, wonach dessen Bildsäule, im Tempel aufgestellt werden' sollte." Wir stehen damit freilich in einer Periode, die von gräcisirenden Elementen erfüllt war, wo diejüdischen Anschauungen sich nicht vor den Einflüssen der griechischen Bildung frei zu halten wußten; aber eben so sehr muß auch anerkannt, werden, daß die damaligen Verhältnisse vielfach noch im Kampf mit den neuen Einrichtungen waren, welche erst seit der nachexilischen Zeit sich gebildet hatten, und daß während diese einen starren Rigorismus des Gesetzes zu begründen suchte, die Praxis der früheren Perioden eine liberale, die Auffassung des Gesetzes eine weniger eingeschränkte war. Unter diesen Gesichtspunkt, fällt auch die Geschichte der bildenden Kunst- /ie im nachexilischen Zeitalter auf strengeren Grundsätzen beruht-'" und vorzugsweise auf diesem Gebiete-mag der Kampf gegen die neuen Theorien ein hartnäckiger gewesen sein, da er das charakteristische Wesen des Griechenthums betraf, dem man mit so vieler Zuneigung ergeben war. ' Seitdem war das jüdische Volk von dem Gebiete der Kunst ausgeschlossen. Nicht gar lange darauf wich die Kunst selber aus dem Reich des Lebens' und ruhte während. langer Jahrhunderte im Grabe, bis sie! unter.dem Zauberwort der wiedergeborenen Antike vor 4 Jahrhunderten dem dunklen Schoß der Erde entstieg und ihren Siegeszug durch die, Länder der alten und neuen Welt hält. Und wieder wie vormals weht ihr sinniger Hauch den Geist der jüdischen Nation an und klärt den Himmel ihres Denkens und weckt Blüthen auf dem Boden ihres Herzens; mit der Wissenschaft zugleich vermählt sie sich im Leben Israels", und mit ihr zusammen trägt sie den jüdischenMamen durch die Reiche und Völker der Gegenwart. Im Norden Europa's, zu Gothenburg," tritt ein jüdischer Bildhauer für die gesetzliche Zulässigkeit seiner Kunst ein, und im Süden, zu Florenz/2 übersendet die 8) Joseph. Antqq. XIX, 9, 1. 9) Joseph. Bell. Jud. II, 10. 10) Winer, Bibl. Realwörterbuch I, S. 213. — Munk, Palestine pag. 216 not.: c,e ne fut, qu’apr&s l’exil (pie le rigorisme des. docteurs proscrivit les Oeuvres d’art, reprdseDtant des figures d’hommea et d’animaux, — vergl. ferner oben S. 526 Änm. 4.. 11) Allgem. Zeit d. Judenth. 1863 Nr. 8. 12) Jüdisches Volksblatt 1866 Nr. 16.