Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1866)
- Date
- 1866-09-11
- Page
- Seite 581 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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581 Verpflichtung für die. Sache des Judenthums. Sie sind keine politischen Körperschaften, keine Direktoren gewerblicher Unternehmungen, sie sind bansy* ■’spT „Aelteste Israels" mit einer großen und theuren Erbschaft' im Amte. Die äußerliche Verwaltung der Gemeinde füllet ihre Pflicht noch lange nicht aus; die Pflege der Religion innerhalb ihrer Gemeinde ist das wahre Ziel, nach welchem sie zu streben haben, denn darum allein besteht die Gemeinde. — Aber mit diesen Beamteten allein ist die Sache nicht abgethan. In allen Nöthen, die Vorkommen, wäre es ein schlechter Trost und eine geringe Hülse, sich stets und allein an die Behörden gewiesen zu sehen, die dafür eingesetzt sind. Wo ich ein Uebel erkenne, bin ich verpflichtet, selbst Hand an die Abhülfe zu legen, und meinen Beistand nach Kräften zu leisten. Wo ich einem Schaden begegne, darf ich nicht warten, bis er den Beamten aufstößt, und diese die Mittel finden, ihn richtig zu behandeln. Zu allem Diesem ist Jedweder berufen, Jedweder verpflichtet. Alles, was Du als wahr und recht erkannt hast, dafür mußt Du eintreten, mit aller Deiner Kraft. Wer ein Herz für sein Judenthum hat, muß auf den. zu wirken suchen, der keines dafür hat. Nicht in der Weise der Fanatiker durch Befehlen, Zwingen, Lästern, Verfolgen — sondern durch Beispiel und Wort, durch Bitten und Ueberreden. Das Nachteiligste, Schädlichste in allen Dingen ist der Spruch: „Was geht mich das an? Was geht mich der an? Ein Jeder thue, was er will, ein Anderer hat sich nicht darum zu kümmern." Und fragen wir nun, auf welchen Wegen und ^durch welche Mittel wir eben für das Judenthum zu wirken hätten? — So richtig und bedeutsam es ist, die Vertheidigüng des Judenthums nach Außen zu führen und es gegen Angriffe von Außen her zu schützen, 'so genügt dies doch lange nicht. In Gemeinde, Synagoge und Schule, in Vereinen und wohlthätigen Instituten muß energisch gewirkt werden. Es stockt da mit wenigen Ausnahmen allzu sehr, und Schlaffheit, Abspannung und Schlendrian walten darin ob. Es muß Leben hineingebracht, Fortbildung, Entwickelung, Läuterung erstrebt werden. Dies ist Viel und eine, große Aufgabe. Neben diesen ist es die jüdische Preffe, die Literatur und Wissenschaft des Judenthums, die mit Anstrengung erhalten und gefördert werden müssen. Unser Jahrhundert ist so angethän, daß alle jene abgeschlossenen, lokalen Institute nicht genügen, sondern neben ihnen das Schristthum ein lebensvolles und unentbehrliches Element geworden. Gem einde, Synagoge und Schule werden durch die Presse in das Haus getragen und am häuslichen Heerde etablirt. Der Lehrstuhl, den die Literatur darbietet, ist ein allgemeiner, überall zugänglicher, von Raum und Zeit nicht beschränkter. Die Vernachlässigung würde sich hierin ganz besonders rächen. Aber die jüdische Presse und Literatur hängt an einem dünnen Faden. Sie haben an sich schon einen sehr abgegrenzten Spielraum, da sie zunächst auf die Juden jeder einzelnen Sprache, in welcher ihre Erzeugnisse abgefaßt werden, beschränkt find. Nun ist die Sparsamkeit, die gerade aus sie angewendet wird, eine noch weitere Verminderung ihrer Mittel. Ein Exemplar eines jüdischen Blattes wird von zehn oder zwanzig Familieuhäuptern gehalten, da es ja nicht darauf ankomme, ob man diese Dinge vier Wochen früher oder später lese. So hat man für wenige Groschen, was sonst einen Thaler koste. Tritt nun irgend eine Krise ein, eine Stockung in den Erwerbsverhältnissen, so verliert man zuerst das schwache Interesse, das noch an den religiösen Strebungen Haftete, und zieht sich dann zurück. Hier ist es ganz besonders, wo eine Propaganda geboten, wo die Unterstützung mit aller Kraft erforderlich ist, wo man die Theilnahme von Haus zu Haus wecken und suchen muß. Zahllose Juden würden noch immer einen Antheil an der jüdischen Presse und Literatur nehmen, wenn sie mit ihrchekannt gemacht und sie ihnen an's Herz gelegt würde. Es ist nur zu ge- . wohnlich, daß gerade diejenigen, welche zur Verbreitung der jüdischen Presse und Literatur ganz besonders berufen wären, sich aus selbstsüchtigen Motiven, .theils vornehm, theils bequem, theils aus hier nichtweiter zu erörternden Triebfedern zurückziehen. Mögen Alle bedenken, welcher Schädigung, welcher Gefährdung sie das Judenthuny aussetzen, indem sie der Presse und Literatur immer wei- . tere Kreise zu erschließen vernachlässigen oder gar die we- ■ nigen, dafür bestehenden Institute, die mühsam und mit Selbstaufopferung gegründet und fortgeführt würdenhinsiechen und untergehen lassen! Unser Blick ist hierbei : besonders in die Zukunft gerichtet. Wir bedürfen tüchtiger jüngerer Kräfte, auf welche die nächste Zeit; bauen könnte. Bis jetzt zeigen sich deren wenige. Würde die jüdische Presse und Literatur immer schwächer werden, so wird sich auch immer seltener eine größere geistige Kraft entschließen, sich ihr zu widmen, und so deren Bestand auch von Innen heraus immer fraglicher werden., Möge dieses Wort sehr beherzigt werden.. Es ist nicht auf spätere Jahre, sondern schon , auf die aller-?; '; 37* ' J