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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-08-28 · Heft 35 (28.8.1866) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 35 (28.8.1866)
Date
1866-08-28
Page
Seite 556 (sequence 10)
Language
German
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Krakau, 10. Aug. Es wird von hier unter dem 9. August, der „Debatte" geschrieben: Unsere Stadt war gestern der Schauplatz eines,Excesses, welchen ein Haufe Volks der untersten Schichten gegen die Juden in Scene setzte. Als nämlich die Juden auf den Richt- , platz vor der Stadt hinauszogen und die Leiche des aufgehängten Spions Joseph Selzer, der ein Jude aus Modrzejow in Russisch-Polen war, auf einem Wagen nach der Stadt schafften, um sie da zu bestatten, wurden sie von jenem Volkshaufen verfolgt und mit Steinen beworfen. Nur mit Mühe konnte die Leiche den Händen des Pöbels entrissen werden, welcher an dem Cadaver des Spions noch Lynchjustiz üben wollte. Die jüdische Bevölkerung ist durch diesen Vorfall in nicht geringe Aufregung versetzt. Der Czas bringt heute .einen Beruhigungs-Artikel, in welchem er auf die Thatsache hinweist, daß in Krakau stets die größte Toleranz gegen die Juden geherrscht habe und niemals ein Judenexceß vorgekommen sei. Pest, im Juli (Privatmitth.) Von Herrn Schloßberger wurde auf einer Pusta unweit Pest eine Schule für sämmtliche Kinder seiner Arbeiter errichtet. Frankreich. Paris, im August. Bekanntlich hat der verstorbene Benedict Fould eine Stiftung gemacht, deren Zinsen einem jungen Bildhauer jüdischen Glaubens zur Vollendung seiner Studien zufallen sollen. Es galt in diesen Tagen seitens der Akademie der schönen Künste diese Unterstützung zum ersten Male zu ertheilen. Ein junger Israelit Henri Torrbs aus Bordeaux hat den Preis erhalten. — Man hebt mit Recht als verdienstlich hervor, daß der Großrabbiner von Marseille, Herr D. Cahen, der soeben einen einmonatlichen Urlaub zu einer Erholungsreise erhalten hatte, auf die Nachricht, daß die Cholera in Marseille wieder ausgebrochen sei, daselbst verblieb und auf seinen Urlaub verzichtete. — Aus Oran schreibt man, daß, nachdem das Gesetz es den einheimischen Israeliten von Algerien freigestellt hat sich als französische Bürger naturalisiren zu lassen, ein großer Eifer stattfindet, dies zu bewerkstelligen; ganze Gemeinden erschienen in der Mairie, die Naturalisation zu verlangen. Man erinnere sich, daß sie hiermit nach dem französischen Gesetze auch das Recht zur Polygamie und zur Ehescheidung verlieren. Beweis genug, daß diese keinen wesentlichen Boden bei den algierischen Juden haben. Großbritannien. London, 17. August. (Jew. Chron.) Wie in den bisherigen Cholera-Epidemien, so bleibt auch die Zahl der jetzt von der Seuche befallenen Juden weit unter dem durchschnittlichen Verhättniß, selbst in den ärmsten Quartieren London's, die so dicht von jüdischen Kleinhändlern bewohnt sind. Im Ganzen erkrankten in den letzten drei Wochen bis Sonnabend, den 11. August, an der Cholera 20 Juden, von denen 10 starben, 3 geheilt wurden, 3 in ein Hospital gebracht wurden und 4 noch, in Behandlung sind. Ein auffallend günstiges Verhättniß! Da die Cholera nun überhaupt abnimmt, ist eine größere Anzahl von Erkrankungen unter den Juden wohl überhaupt nicht mehr zu fürchten. Sehr verdient hat sich die Borsteherschaft der jüdischen Gemeinde in London gemacht, welche die ihr von der letztern reichlich bewilligten Gelder auf nützliche und aufopfernde Weise zur Abwehr der Erkrankung und zur Heilung der Befallenen verwandte. Der Vorstand hat u. A. zwei Aerzte ernannt, welche die jüdischen Armen beständig beaufsichtigen und ihnen nöthigen Falls sofort Hülfe verschaffen. — Soweit nach dem Jew. Chr. Die „Rat. Ztg." sagt hierüber aus London: „Bemerkenswerth ist, daß die in den östlichen Bezirken, wo die Epidemie am heftigsten wüthet,^ ziemlich zahlreiche jüdische Bevölkerung davon fast gar nicht zu leiden hat. Dieselbe Beobachtung ist im Jahr 1849 gemacht worden, wo auf den jüdischen Theil der Bevölkerung nur ein Todesfall unter 2000 vorkam, während von der Einwohnerschaft überhaupt in dem Bezirke (Whitechapel) 6 von jedem Tausend, in dem Bezirke Rotherhithe gar 29 an der Cholera starben. Man erklärt sich diesen Unterschied aus der verschiedenen Lebensweise der Juden, wonach z. B. alle Wohnungen wenigstens einmal im Jahre eine gründliche Reinigung erfahren, ein Zimmer nie von mehr als einer Familie 'bewohnt wird (während bei der umgebenden Bevölkerung nicht selten zwei, drei oder noch mehr Familien auf eins kommen), der Genuß verdorbenen Fleisches durch das religiöse Gesetz verboten ist und für die Äermeren durch die Wohlthatigkeit der bemittelten Konfesfionsgenoßen reichlich gesorgt wird. .

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