Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1866)
- Date
- 1866-08-28
- Page
- Seite 550 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226563--24215-3251561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NN8NW8M?OMAMWÄMNKWMM8»WWMLMKK^N« 550 „Müssen Sie, meine Herren, den in Rumänien geborenen Juden ihre volle Gleichberechtigung bewilligen? Ein heftiges Vorurtheil beherrscht diese so einfache Frage: es giebt einen tiefen Haß gegen die Juden. Ist er gerecht, ist er legitim? Was ist-jener Grund?*) Die Juden haben Jesus gekreuzigt! Sie haben Gott an das Kreuz geheftet! Ach, meine Herren, seitdem sind schon achtzehn Jahrhunderte verstrichen, mehr als 60 Generationen haben abgewechselt, und der Haß währt Noch gegen die Juden der 60. Generation. Das Verbrechen ist groß, aber wird die Rache sich niemals besänftigen? Und welche Rache! Die Plünderung, das Verderben, die Vertreibung, die Einziehung der Güter, die elendeste Knechtschaft, die Martern, die Scheiterhaufen, die Hinrichtung durch das Feuer, der Tod unter allen Gestalten; wer will die tausende und tausende der Schlachtopfer neunen! Und dennoch, wenn Sie vpn religiösem, philosophischem, menschlichem Standpunkte den Tod Christi untersuchen wollen, sind die Juden dann Schuldige, die ohne Erbarmen zu bestrafen sind? „Zunächst von religiösem Standpunkte: Jesus Christus war Gott, Gott aller Ewigkeit, wie Gott Vater. „„Im Anfänge,"" sagt der Apostel, „„war das Wort bei Gott, und das Wort war Gott, und nichts seit dem Anfänge ist ohne es geschehen."" Von aller Ewigkeit hatte Gott beschlossen sich zu opfern, an dem Kreuze zu sterben; er hatte den Tag und die Stunde seines scheinbaren Todes festgesetzt. Er hatte gewollt, daß die Juden ihn verkennten, und diese grausame und trostlose Mission erfüllten. Wie konnten also die Juden diesem furchtbaren Decrete entgehen? Gott wollte es, und wie konnten also sie sich dem Willen Gottes entziehen? Hat es etwa, meine Herren, Gott nicht gewollt? Es war ja nichts leichter für Christus, als dieses Trauerspiel zu vermeiden. Hätte er nur die Arme vor den Wächtern gekreuzt, die ihn ergreifen wollten, und hätte er gesagt: „Ich will nicht;"" so wären alle ihm zu Füßen gefallen, von seiner Gottheit geblendet. Er hat die Herzen verhärtet gelassen, da er allen Zorn hätte zerschmelzen können. *) In der folgenden Auseinandersetzung des Herrn Cremieux darf nicht übersehen werden, daß er in echt juristischer Weise sich ganz auf den Zustand seiner christlichen Zuhörer versetzt; er nimmt an, daß die Juden wirklich Jesus gekreuzigt, er setzt voraus, daß Jesus Gott sei, um jenen zu beweisen, daß sie selbst von diesem Standpunkte aus die Juden nicht strafen, und mißhandeln dürften. . Redakt. d. A. Z. d. I. Mit einem Worte, die Juden haben Gott getödtet nach dem Willen Gottes! „Aber wenn Gott hat sterben wollen, als fleckenloses Lamm, so hatte er dadurch eine unendliche Wohlthat über die Welt zu verbreiten: Agnus Dei, qui tollis peccata mimcli! Das ist die erhabene Sendung, die er sich gegeben. Er hat sterben wollen, nur die Erbsünde zu vernichten, um den Menschen vom ewigen Tode zu erretten. Diejenigen, die er erwählt hat, daß sein Tod diese großartige Mission vollende, die Erlösung von der Sünde, vom Tode, diese gerade verfolgt Ihr. nun seit achtzehnhundert Jahren mit dem grausamsten Fluche. Und doch hat Christus gesagt: Parce eis Domine quia nesciunt quod faeiunt. Ja, das Verbrechen war unfreiwillig, denjenigen unbekannt, die einen Beschluß Gottes ausführten, einen Beschluß, dessen Ausführung „„Eurer Geburt Reinheit verleiht und Eurem Tode die ewige Glückseligkeit."" „Wenn wir nach der Religion die Philosophie heranziehen, welche tiefe und schmerzliche Ueberraschung flößt uns dieser weltliche, unendliche, unauslöschliche Haß ein! Wie! sechzig Generationen büßen das Verbrechen der ersten! Die Strafe ist unendlich! Wie oft hat sich diese Philosophie über das göttliche Wort gewundert: „„Ich werde vergelten die Sünde des Vaters an den Kindern bis zum dritten und vierten Geschlecht!"" Und was ist diese Strenge im Vergleich mit einer unendlichen Strafe, welche während des ganzen Laufes der Jahrhunderte dieselbe bleibt? Sie, meine Herren, die Frankreich so sehr lieben, die sich, zu unsrer großen Freude, rühmen, die Franzosen nachzuahmen, erinnern Sie sich an die beiden großen Grundsätze, die unsere Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts zur Geltung gebracht haben: . „„Die Vergehen sind persönlich, die Strafen sind persönlich;^) *) Was hier Ersmieu-x den französischen Philosophen des vorigen Jahrhunderts zuschreibt, ist schon der einfache Grundsatz des mosaischen Rechts, klar und bestimmt ausgesprochen 5 Mos. 24, 16: „Nicht sollen getödtet werden Väter um Kinder, und Kinder nicht getödtet werden um Väter, Jedweder für seine Schuld sollen sie getödtet werden." Ganz besonders führt diesen Grundsatz auch hinsichtlich des Seelenheiles der Prophet Ezechiel im 18. Kapitel-aus; es muß uns wundern, daß ein so scharfer Denker wie Cremieux nicht einsieht, daß der Satz: die Schuld' der Väter werde an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht heimgesucht, nur von der göttlichen Fügung handelt, welche . die Folgen böser Thaten sich auch auf einige folgende Ge-