Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1866)
- Date
- 1866-08-28
- Page
- Seite 549 (sequence 3)
- Language
- German
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549 nischen Juden kennen die Trägheit nicht: thätig, intelligent, arbeitsam, ökonomisch, leisten sie die tägliche Arbeit zum größten Th eile. Unter den Reichen giebt es Bankiers, Geldausleiher; aber Geldausleiher giebt es in Rumänien aus allen Religionen. Der Wucher ist bei den Juden nicht gebräuchlicher, als bei den Christen. Der erste Präsident des Rechnungshofes, der Präsident der constituirenden Versammlung, selbst die Familie von Joan Ghika, der in diesem Augenblick Ministerpräsident und Minister des Innern ist, haben mir im Gegentheil Thatsachen, die ihnen persönlich vorgekommen sind, mitgetheilt, die den israelitischen Bankiers viele Ehre machen. Als ich nach Bukarest kam, bot das damalige Ministerium den großartigen Vortheil, daß am Tage nach einer Revolution oder vielmehr vieler Revolutionen alle Minister als ehrenhafte Leute anerkannt waren. Der Moniteur hat uns vor wenigen Tagen berichtet, daß Bratiano, der Finanzminister, Rosetti, der Cultusminister, und endlich der Minister des Innern entfernt seien. Bratiano und Rosetti, erprobte Patrioten, repräsentirten die am weitesten fortgeschrittene »Partei. Der erstere, obwohl Republikaner, hatte nicht an gestanden, sich zu dem erwählten Fürsten zu begeben, den er auf feiner eigenthümlichen Reise begleitete und bis in seine Staaten führte. Sie werden sicher bei ihrem Scheiden aus dem Ministerium von dem Bedauern des Publikums begleitet. Ich habe nicht Gelegenheit gehabt, den Minister des Innern kennen zu lernen, den jetzt Joan Ghika ersetzt, aber die öffentliche Meinung war einstimmig in seinem Lobe. Es ist mir nichts über den neuen Kultusminister bekannt; er bedarf des Muthes, der Festigkeit und liberaler Ideen. Ich habe von dem neuen Finanzminister als von einem Manne von wahrhaftem Verdienst reden gehört. Was Joan Ghika betrifft, der nun zum Ministerpräsidenten und Minister des Innern ernannt worden, so ist dies eine ausgezeichnete Wahl. Ein geschickter und sehr erfahrener Diplomat, hat er die ihm anvertraute Mission, die Anerkennung des Fürsten von Seiten der Türkei herbeizuführen, zu gutem Ende gebracht: erkennt sein Land vortrefflich, hat schon ein Ministerium geleitet und die wichtigsten Functionen inne gehabt. Da die Justiz, die öffentlichen Arbeiten, der Krieg den Händen von Kantakuzenos, Sturdza und Fürst Joan Ghika übergeben und die auswärtigen Angelegenheiten Stirbey zugewiesen sind, so ist dies ein Ministerrath, der segensreiche Wirksamkeit verheißt. Möge der Fürst, welcher eben dieder liberalen Sache am meisten ergebenen Männer entfernt hat, wenigstens nicht einen Schritt rückwärts thun. Ich habe ihn erfüllt von edlen Gefühlen gefunden. „Ich weiß nicht," sagte er mir einst, „was. mein Schicksal sein wird. Durch einstimmige und unerwartete Wahl zu der Regierung dieses Landes berufen, schulde ich mein ganzes Leben als Entgelt für diese Wahl. Werde ich anerkannt werden? Alles, was ich an Kraft und Ergebenheit besitze, widme ich meinem neuen Vaterlande. Wollen die Türken uns angreifen? Ich würde den Degen ergreifen und mich an die Spitze unserer Tapferen stellen; und wenn ich auf dem Felde der Ehre fallen sollte, so würde meine Jugend nicht unrühmlich geendet haben." Er ist siebenundzwanzig Jahre alt, seine Erziehung war freisinnig, er hat gut gesinnte Umgebungen; hoffen wir, daß er feine Aufgabe erfüllt. Die Kammer war eine constituirende Versammlung, welche in der von ihr angenommenen Verfassung durch zwei zu wählende Kammern ersetzt wird; sie ist also jetzt nur noch eine Erinnerung; ihre Auflösung ist entweder schon ausgesprochen oder steht doch nahe bevor. Sie enthielt verschiedene Elemente, aber die Majorität schien mir über Vorurtheile und reactionäre Grundsätze erhaben. Ich hatte zuerst eine Zusammenkunft mit Herrn Emperia, ihrem Präsidenten. Er ist Moldauer, ein Mann von Herz, solider Bildung und erprobter Vaterlandsliebe. Er sagte mir: „Wir sind es, mein Herr, wir, die Aristokraten, die für die Israeliten wirken." Ich wurde von ihm aufgefordert, mich in einem Büreau der Kammer einzufinden, wo sich einige Deputirte vereinigen sollten, um mit mir -über die traurige Lage der Juden Rath zu Pflegen. Der Minister Rosetti und der Präsident empfingen mich bei meiner Ankunft. Ich trat in einen Saal, wo ich zehn bis zwölf Abgeordnete fand, die mich auf das Liebenswürdigste empfingen. Allmählig füllte sich der Saal. Der Minister der Justiz Kantakuzenos und der Minister der öffentlichen Arbeiten Sturdza trafen ein, und mehr als 50 Abgeordnete bildeten die Versammlung. Nachdem ein jeder Platz genommen, sprach ich einige Worte des Dankes für die wohlwollende Bereitwilligkeit, die so viele Mitglieder der Kammer gezeigt hatten, und die einem einfachen Bürger, der für seine Glaubensgenossen sprechen wolle, die Gegenwart eines solchen Auditoriums verschaffe. Dann stellte ich sogleich die Frage folgendermaßen fest: 35*