Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1866)
- Date
- 1866-08-21
- Page
- Seite 541 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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mm UW ifp WWW MWMMM —--—- - - * - - 541 des Menschengeschlechtes existirt Nichts für sie, lebt Nichts, geht Nichts vor sich, geschieht Nichts — wenigstens Nichts, was sie interessirt und von dem sie Notiz zu nehmen gedenken. Mancher könnte sich verleiten lassen, dies für bewunderungswürdig in seiner Consequenz und Naivetät zu halten — während es doch nur Blindheit, Beschränktheit gleich der eines klugen Thieres ist, das niemals über die Grenzen geht, welche sein Instinkt ihm gezogen, und für das außerhalb dieser daher auch Nichts besteht. Allerdings muß man in diesem Haufen ein paar Führer, deren Zahl aber sehr gering ist, unterscheiden, die wohl wissen, was sie wollen und thun, die durchaus nicht beschränkt, oder gar, wie der Oberflächliche sie nach ihrem Gebühren bezeichnet, verrückt sind. Sie wollen sich um jeden Preis die Zahl ihrer Marionetten erhalten, und dazu bedarf es in unserer Zeit großer Mühewaltung, weil der Strom des Lebens selbst den entlegensten Fleck Erde jetzt mit seiner Bewegung bespült und die Anwohner aus ihrer altväterlichen Existenz mit sich fort reißen will. Ob es nun draußen Krieg oder Frieden giebt, ob Staaten zerfallen, Throne Zusammenstürzen, neue ausgerichtet werden, ob Hunderttausende auf den Schlachtfeldern verbluten, Millionen Menschen in ihrem Besitzstände verkümmern, das berührt jene Fanatiker mit ihrem Häuflein nicht, sie wühlen in ihrem Ameisenhaufen weiter, auf Kleinliches und Kleinlichstes emsig bedacht, nachher wie vorher. So kam uns in diesen Tagen ein halber Bogen, in hebräischer Sprache verfaßt, in Ofen gedruckt, zu, der mit der Ueberschrift geziert ist: Tn rrn pö*> Am dritten Tage nach nbun 'iö dieses Jahres fand in Myhalowitz die Versammlung einiger hyperorthodoxen Herren statt, welche ein Verketzerungsdekret erließen, in dem sie einige gegenwärtig überall gebräuchliche Einrichtungen in den Synagogen verurtheilten, sie als Verbrechen der höchsten Art, als Sünden, denen keine andere in Religion und Sittlichkeit gleichkäme, verurtheilten. Die versammelten 25 Mann ließen dies noch von anderen Ihresgleichen unterschreiben, drucken und vertheilen. Allein Letzteres fand nur bei einigen Auserwählten statt, und ein Spaßvogel machte sich den Scherz, dieses Dekret, nochmals, von einigen deutschen Worten eingeleitet, abdrucken zu lassen und verbreitete es nun in weiteren Kreisen. Die Fluchwörter der Fanatiker sind in der That so arg, wie man sich nur denken kann, und um so begieriger wird man sein zu erfahren, gegen was sie eifern. Es sind neun Punkte, von denen die bedeutentsten smd: 1) Es ist verboten in einer Landessprache zu darschenen (predigen). Wer eine solche anhört, ist ebenso strafwürdig. Es soll nur in jüdischer Sprache, welche die koscheren Israeliten dieses Landes sprechen, gepredigt werden. 2) Es ist verboten, in einer Synagoge zu beten, wo die Bima nicht in der Mitte steht. 3) Es ist verboten, dem Vorbeter ein besonderes Kleid zu machen. 4) Es ist verboten, Chorgesang zu hören, um wie viel mehr, mit solchem zu beten oder Amen darauf zu sagen. Denn eine sogenannte Chorschul ist dem Hause von Gottesleugnern gleichzuachten (nnzmp'D« rna). 5) Es ist verboten, die Chuppa anders, als unter freiem Himmel auszustellen u. s. w. Gegen diese furchtbaren Umwälzungen der Religion, gegen diese erderschütternden Neuerungen erheben die Donnerer ihre Blitze, und drohen, das ganze Menschengeschlecht zu vertilgen und trotz der göttlichen Verheißung eine neue Sündfluth über diesen unglücklichen Erdball zu bringen, wenn die Juden nicht allesammt bald wieder in den Pferch dieser Eiferer zurückkehren, ihre Prediger wieder mauscheln, ihre Borbeter wieder trillern und ihre Trauungen auf dem Hofe neben oder auf dem Düngerhaufen vornehmen lassen. Denn dies ist ja der ganze Inhalt des Gesetzes vom Sinai, der Reden der Propheten, der Gesänge des Psalmisten! Dazu ward die Welt geschaffen und hierfür allein wird sie erhalten von ihrem göttlichen Schöpfer! — Der verehrliche Leser wird nun aber noch neugierig sein, wer diese „Herren" sein mögen, die dieses erschreckliche Dekret erlassen haben? Aber wenn wir sie ihm auch mittheilen, und wäre er der größte Kenner des gegen- * wärtigen Judenthums, die Namen sind ihm unbekannt; und wäre er ein großer Geograph, die Wohnorte derselben wären ihm unbekannt. Was will er z. B. sich bei Namen denken wie 3Nps*iüD, crbio, ostös^yn u. s. w.? Weder klären die Personennamen über die Namen der Ortschaften auf, noch umgekehrt. Jedenfalls sieht der Leser, daß es außer Nikolsburg, Prag und Berlin noch Orte giebt, wo weltgeschichtliche Verhandlungen stattfinden, und lächelte er darüber — desto schlimmer für ihn. Italien. Aus Obentalien, im August. (Privatmitth.). Cs kann jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen sein, daß 34*