Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1866)
- Date
- 1866-08-14
- Page
- Seite 523 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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523 sie neue Erwerbsquellen sich öffnen können; der größte Theil aber hat sich mit der dem jüdischen Charakter eigenen Ausdauer hier festgesetzt und jetzt werden Sorge undNoth, Entbehrungen und Enttäuschungen ihn schwerlich je wieder von Petersburg verscheuchen. Wollen wir für diesen Theil unserer Glaubensbrüder hoffen, daß das Sprüchwort „aller Anfang ist schwer" glückverheißend für Diejenigen sei, die diesen schweren ersten Anfang überwinden. Die Organisation der jüdischen Gemeinde in Petersburg kann noch lange nicht als vollendet betrachtet werden. Verschiedenartig, lückenhaft, einander fremd, mitunter feindlich sogar sind die Elemente, aus denen dieses einige Ganze, einst hervorgehen soll. Nicht Menschenwirken und Menschenwollen wird diese Schöpfung zu Stande bringen können, wohl aber der Universalvermittler, die Zeit. Ist es dem Leser nicht unlieb, so folge er mir in die düstere Vergangenheit zurück zu den Uranfängen der sich bildenden Gemeinde, deren'Entwickelungsgang einst jedenfalls einige interessante Blätter unserer Nationalgeschichte füllen wird. Elkono ben Aaron. (Fortsetzung folgt.) Türkei. Konstantinopel, 1. August. Am 19. v. M. Morgens gegen 9 Uhr flog die große Pulverfabrik zu Makriköj in die Luft. Bei 490 Arbeiter, die eben mit Patronenmächen beschäftigt waren, darunter 220 für Tagelohn verwendete Israeliten, sowie auch commandirte Mannschaft verschiedener dort garnisonirender Regimenter verunglückten dabei. Frankreich. Mühlhausen, (Elsaß) im August. (Privatmitth.). Ihre Leser interessiren sich gewiß für ein immer mehr aufblühendes Institut, dessen' segensreiche Wirkungen sich immer fühlbarer machen und immer weiter erstrecken. Sie gestatten mir daher einige Worte über den eben erschienenen Rechenschaftsbericht der hiesigen Israelitischen Kunst- und Gewerbe-Schule ans dem Jahre 1865. Der Bericht bemerkt, daß die Arbeit in den Werkstätten die Zöglinge täglich zwölf Stunden beschäftigt, was bei gewissen Handwerken schon sehr anstrengend ist. Dennoch sehen wir während des Abends nach dem Nachtessen, .wenn es gilt, an das Studium sichzu setzen, einen wahrhaften Eifer der Zöglinge, als wenn es eine Erholung gälte. Während zweier Stunden sind sie auf den Unterricht im Französischen, Rechnen, Geschichte, Geographie, Geometrie, Linear- und freien.Handzeichnen sehr aufmerksam. Alle Sabbathe haben sie Religionsunterricht. Die Schüler fühlen die Wohlthaten des Unterrichts so sehr, daß sie am Sabbathabend, statt sich der Erholung hinzugeben, sich zu der kleinen Schulbibliothek drängen, um zu lesen.*) Die Anerkennung der Behörden bleibt nicht aus. In diesem Jahre besuchte der Marschall Forey bei seiner Durchreise durch unsre Stadt, geleitet vom Unterpräfekten und Bürgermeister, unsre Schule, und bemerkte, nachdem er alle Theile unsrer Anstalt geprüft, er finde, daß unsre Schule, wo die Theorie mit der Praxis verbunden sei und die besten Erfolge erziele, am besten die seit so langer Zeit über den richtigen gewerblichen Unterricht schwebende Frage löse. Der Verein hatte im Jahre 1865 19,285 Frs. Einnahme (worunter 1608 Frs. für bezahlende Schüler) und 13,624 Frs. Ausgaben. Gegen das Jahr 1864 hatten wir allerdings um 7000 Frs. Einnahmen weniger, was daher kommt, daß wir 1864 vom Legat Wormser 5000 Frs. und an Geschenken 2000 Frs. mehr erhielten. Da wir 1865 42 Zöglinge hatten, kostet jeder derselben der. Anstalt jährlich 288 Frs. (76^/s Thlr.). Zu den Einnahmen gehören 2600 Frs. von den Behörden. Paris, im August. Um zu zeigen, daß das Judenthum auch in Frankreich neue Werke zu schaffen lebenstüchtig genug ist, sagen die Arch. isr.: Man hat soeben israelitische Vorlesungen in Paris gestiftet; ein Zufluchtshaus für junge Mädchen ist kürzlich in Romainviüe gegründet; man wird in Bälde eine zweite unentgeldliche Consistorial-Elementarschule eröffnen; man beschäftigt sich ernstlich mit einem Ritual zur Verschmelzung der beiden Riten; der Architekt des zukünftigen Tempels der Rue de la Victoire hat endlich den Grund des Gebäudes legen können; die Arbeiten für den Tempel der Rue des Tournelles sollen beginnen." — Die Kehrseite der Medaille besteht in der mangelhaften Besoldung der Rabbiner. Bekanntlich erhalten diese ihren Gehalt vom Staate; die Israeliten tragen nichts dazu bei, und die Nebeneinkünfte für Kasualien sind *) Wir möchten wissen, ob die Zöglinge auch deutsche Bücher lesen, da wir gerade einige solcher bereit haben,- die wir dieser Anstalt gern zuwenden mögen. Die Red-