Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-08-14 · Heft 33 (14.8.1866) · p. Seite 516

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 33 (14.8.1866)
Date
1866-08-14
Page
Seite 516 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226561--24175-3251519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

516 die emsige Hand wieder an alle verfallenen Bauwerke und richtet sie oft zweckmäßiger und großartiger mit Benutzung der gewonnenen Erfahrungen wieder auf. Die Menschheit steht eben nie still, und wenn sie auch die Wirkungen des vorübergegangenen Sturmes noch lange fühlt, räumt sie doch-sofort alle Trümmer hinweg und sucht herzustellen, was sich Herstellen läßt. Zweierlei ist es, was mit dem Frieden zurückkehrt: das Vertrauen und die strebsame Theilnahme. Allerdings geschieht dies wie nach einer großen Windstille auf dem Meere. Leise hebt sich ein Luftzug, der noch kaum die schlaffen Segel bewegt; bald schwillt er an, 'gewinnt an Kraft, steigert sich zu starkem Winde, der die Segel bläht, die Wimpeln flattern macht; das Schiff setzt sich in Bewegung, bald eilt es rascher, und in Kurzem fährt es seinen Cours schnell vor dem Winde dahin. Wohl glauben wir, daß das Vertrauen, oder technisch zu sprechen, der Credit, noch lange nicht in früherem Maße und Umfange sich wieder einfinden werden. Allein es ist von einem höheren und allgemeineren nationalökonomischen Gesichtspunkte aus kaum nachtheilig, wenn dieses große Lebensmoment der Industrie sich mehr regelt, fester begründet und mit Weisheit sich abgrenzt. Bei den sich immer wiederholenden Krisen zeigt es sich ja, daß ein großer Theil der durch die frühere Unbeschränktheit des Credits erworbenen Reichthümer doch nur illusorisch ist und viele und mühsame Arbeit, die ihren Erfolg nach vielen Tausenden von Thalern schätzte, nach einem Jahrzehnd sich als ein Traum erweist. Ebenso wenig kann man darauf rechnen, daß Interessen, die unter dem Druck der Zeiten entwichen waren, sich sofort in alter, ja verstärkter Weise wieder einfinden werden. Aber dies Alles währt doch nur eine Spanne Zeit. Alle Triebfedern des Menschen, die nicht veraltet und verrostet sind, gewinnen bald ihre Spannkraft wieder. So hoffen wir denn auch, daß die Angelegenheiten unserer Glaubensgenossenschaft mit dem Frieden wieder zu neuem, frischem Leben erwachen werden, daß bald die Geister sich ihnen wieder zuwenden, mehr oder weniger die Herzen wieder für sie schlagen werden. Zwiefaches ist hier ins Auge zu faffen. Zunächst in allen den Staaten, in welchen unsere Gleichstellung noch mancherlei Beschränkungen unterworfen ist, sie im ganzen Maße zu erlangen. Unter dem Eindrücke, den die völlige Gleichheit aller Gefahren, Kämpfe und Verluste für alle Staatsangehörigen, die gleiche Hingebung für das Vaterland gemacht, muß, sobald die allgemeinen Verhältniffe sich wieder geordnet haben, auch die Ausfüllung aller Lücken, die Hinwegräumung der letzten Schranken, erstrebt werden. Wir finden uns ja hier ganz^ und gar auf den Wegen des Gesetzes und der Ordnung, denn gerade für die Stellung der Juden läßt sich auf diesen allein Etwas erringen. Das Andere geht nach Innen. Es handelt sich ganz besonders darum, in allen Gemeinden endlich die Verbesserung des Gottesdienstes zu bewirken und den Bedürfniffen der Zeit endlich Rechnung zu tragen. Seit Jahren sind hierin die meisten jüdischen Gemeinden in völlige Letargie versunken; getragen von einer kleinen, aber rührigen Partei, und zugelaffen von der Indolenz einer lediglich dem industriellen Erwerbe zugewandten Mehrheit, hat der Schlendrian sich überall herrschend gemacht. Ohne die Wirksamkeit des verbesserten Cultus zu überschätzen/ wäre es von dem gegenwärtigen Geschlecht ein noch größerer Jrrthum, das Bedürfniß und den Werth eines solchen zu unterschätzen. Der beste Religionsunterricht vermag wenig gegen die religiöse Theilnahmlosigkeit, gegen den religiösen Verfall, welche aus der Gleichgültigkeit, ja dem Widerwillen entspringen, die der Jugend ein für sie ungenießbarer und mißbräuchlicher Gottesdienst einflößt, der aller Weihe, alles Verständnisses, aller Erregung und Heiligung für sie entbehrt. Es ist Zeit, daß hierfür ein neuer und kräftiger Eifer in den Gemeinden erwacht. Die Ansichten haben sich hierüber genugsam geklärt, und der Schatz der gesammelten Erfahrungen ist nicht gering. Es ist um so mehr Zeit, Hand anzulegen, damit später die Zeit nicht immer weniger und schwächer dafür werde. Zur Charakteristik ves Talmuds. X. Wir haben bis jetzt als den eigentlichen Charakter der talmudischen Geistesarbeit die juridische Be- und Verarbeitung des gesummten religiösen Stoffes ausgestellt, welchen der Mosaismus, der Prophetismus und das weitere Judenthum geboten und entwickelt hatte, und haben dies unwiderleglich aus der mischnischen Halacha und Hagada erwiesen. Bevor wir nun aber die innere Bedeutung dieser Phase und ihre Stellung in der Geschichte des gesammten Judenthums wie in der ganzen menschengeschlechtlichen Entwickelung der Religion, besonders aber ihr Verhältniß zu unserer Zeit näher erörtern, und endlich die Gemara in den Kreis unserer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.