Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1866)
- Date
- 1866-08-07
- Page
- Seite 511 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Die Mosesgruppe von Rauch. Eine, jüdisch-wissenschaftliche Kunststudie von Rabb. vr. Tobias Cohn in Potsdam. (Fortsetzung.) II. Die alttestamentlichen Charaktere sind vor Allem Menschen im eigentlichen Sinne des Worts, Menschen, die fehlen und irren, bereuen und umkehren, die im Schmerz wehklagen, in der Freude aufjubeln, Menschen, in denen sich Alles in einer uns verständlichen Weise vollzieht, an denen die Gesetze des Schicksals mit derselben Wahrheit, und Consequenz, wie noch heute an uns, sich verwirklichen. Wir fühlen, daß sie mit uns gleichartig sind und deshalb tönt bei der Berührung der alttestamentlichen Personen in unserer eigenen Seele jede Saite nach und der Herzschlag eines ästhetischen wie moralischen Genusses durchzittert unsere Beschauung. Die alttestamentlichen Stoffe entwickeln sich auf natürlichem Wege, und ihre Existenz und Größe beruhen auf denselben Bedingungen , die auch unser Sein tragen; sie haben mit dem Uebernatürlichen, dem Wunder, das außerhalb des Menschlichen und Weltlichen besteht und von außen her sich an und in den Menschen legt, nichts zu thun. Deshalb tragen ihre künstlerischen Darstellungen die Grundlage ihrer Vollkommenheit und Vollendung in sich selbst, in ihnen selbst tritt die Idee zu Tage, welche über die Wirklichkeit hinausträgt und die ästhetische Schönheit erzeugt, ohne daß es besonderer Attribute bedurfte, durch welche sich die Idee, das Vergeistigende, erst vor unseren Augen von außen her, d. h. durch ein Wunder in die Menschen versenkte. Es ist jüngst in dem „Wissenschaftlichen Kunstverein" zu Berlin die Frage angeregt worden, ob nicht auch in unserer Zeit noch Visionen und Offenbarungen geeignete Motive für die Malerei wären, und daß eben deshalb der historische Christus, wie ihn Strauß und Renau schildern, für Kunstmotive gar nicht passe. Nun, man mag darüber streiten, so lange es sich um die Malerei handelt, und selbst dort wird sich nicht leicht darüber befinden lassen; sobald jedoch die Plastik zur Sprache kommt, wird es unschwer sein, die hinzutretenden, von außen her kommenden Erscheinungen als nicht kunstge- 511 ' mäß zurückzuweisen. „Das Göttliche' soll nicht als ein Fremdes von außen an das Menschliche kommen , sondern das wahrhaft Uebersinnliche erscheint als das Ideale im Sinnlichen, Menschlichen. Die Offenbarung, welche sich gewaltsam als ein anderes Sinnliches unserer Sinnlichkeit gegenüber stellt, hört auf, Uebersinnliches, Uebergeschichtliches zu sein, wenn sie, verklärt, innerhalb des'Menschlichen sich als das Göttliche, Ideale darstellt. Ja, es ist nicht einmal allen Künsten möglich, die äußerliche Offenbarung wiederzugeben; die Architectur kann als Kunst der Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit, das Wunder gar nicht darstellen, eben sowenig die Musik, weil hier Alles innerlich ist; ferner die Skulptur, weil ihr Material schwer und das Wunder die Gesetze der Schwere verletzt u. s. w." ' An dieser Grenze eben scheiden sich auf dem Gebiet der Kunst von den christlichen Motiven die alttestamentlichen, die unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Religion das Wunder, diese Darstellung einer übersinnlichen Welt außer uns in einer uns fremden Sinnlichkeit ausschließen und andererseits durch ihren rein menschlichen Charakter dem allgemeinen Verständniß des Beschauers sympathisch und klar erscheinen, wie keine andere Darstellung. Aber aus demselben Grunde haben sie vielleicht 'auch vor den mythologischen Stoffen der Griechen und anderer Völker ihre größere Kunstanlage voraus. Wenn wir bewundernd und durch den Anblick gehoben die herrlichen Kunstwerke aus der griechischen Götterwelt anschauen: so sind das eben nicht Menschen mit Schwächen und Leidenschaften, die sich geläutert haben und veredelt in heiliger Arbeit; sondern höhere Wesen, die in der Vorstellung des Volkes als aus dem Menschlichen abstrahirte Individuen gelten. Sie boten dem Künstler Gelegenheit, eine namhafte, dauernde, ewige Schönheit darzustellen, in welcher alle Strahlen des geistigen, wie sittlichen Lebens sich in einem Brennpunkt sammelnd einen verklärenden Zauber über das Antlitz ausgießen und das Herz des Betrachters in himmlisch reiner Neigung fesseln? — Und wie die Götter mit vollendeter Weihe und Schönheit, mit vollendeter Kraft und Fertigkeit gemacht wurden: so wurden andererseits Menschen in der Kunst zu Göttern gemacht, in welchen die jedesmaligen Tendenzen des 1) s. „Der Gedanke" Philosophische Zeitschrift, Organ der Philosoph. Gesellschaft zu Berlin, herausgegeben von Dr. C. L. Michelet, Bd. V. S. 120. 2) s. vr. Baumeister, Culturbilder aus Griechenlands Religion und Kunst, Mainz 1865 S. 209,