Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1866)
- Date
- 1866-07-31
- Page
- Seite 495 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Rauch wie die treue Abschrift des heiligen Textes, der in dem Kunstgebilde Klang und Farbe annimmt, 'und während dadurch einerseits die mächtige Weihe der biblischen Urkunde zum sichtbaren Ausdruck gelangt, prägt sich andererseits zugleich in jeder Ader und Muskel, in jeder Bildung und Verbindung ein Theil von dem Ideal aus, das die freie, künstlerische Auffassung des Meisters ausdrückt. Wie leuchten diese Augen, in welchen die Herrlichkeit Gottes, auf die sie gerichtet sind, zu glänzen scheint! In diesen Augen rollt und glüht ein Augenstern, so feurig und energisch, daß über die ganze Gestalt, der schon die Spuren des hochbejahrten Alters anhaften, eine gewisse Iugendkraft und Lebendigkeit ausgegossen erscheint. In dieser Beziehung weicht Rauch von dem classischen Schl der griechischen Plastik ab, die niemals das. Auge in dieser Weise formt; in der römischen Kunst, und zwar zuerst in dem Antinousbilde zur Zeit des Kaisers Hadrian im zweiten Jahrhundert, kommt meines Wiffens der Augenstern vor. Allein er erscheint in dem gegebenen Falle so wirksam und der ganzen Situation derart entsprechend, daß wir wesentlich durch ihn wie von. einem bewältigenden Zauber ergriffen werden und die ganze Figur Leben und Bewegung zu athmen scheint. Diese Eigenthümlichkeit wird noch dadurch erhöht, daß die Augen tiefer liegen und deshalb sowohl 'die Stirnmusteln an dieser Stelle, wie die Partien, welche daran grenzen, stärker und kräftiger hervortreten. Ueber diesen Augen ruht eine sanft gewölbte Stirn, desto gewichtiger und schwerer, je weiter das Auge darunter zurücktritt, desto edler und bedeutsamer, je treuer die Furchen daran die jchicksalsreiche Vergangenheit des Mannes und den Ernst seiner gegenwärtigen Lage beschreiben. Eine recht klassische Form erhält die Stirn durch die leicht wallenden Haarlocken, welche zu beiden Seiten herabhäugen. Mit einem leisen, kaum bemerklichen Uebergang, der für das Merkzeichen einer hohen geistigen Begabung gehalten wird, schließt-sich an die Stirn die Nase an, die durch ihren breiten Rücken das sogenannte griechische Profil vervollständigt. Der Mund endlich ist dadurch, das die Oberlippe etwas nach oben gezogen wird, sanft geöffnet und entspricht, abgesehen von den Regeln der Plastik, dem Zweck des Augenblicks. Wir sehen auf solche Weise nicht allein den betenden Moses, sondern wir hören ihn auch und horchen auf das Wort, das aus diesem Mund und über diese Lippe tritt und fcott hinaufsteigt, wohin die aufgerichteten Hände zeigen. Diese Hände aber, welche gleichsam die dem Körper inwohnende Gewalt über denselben hinaustragett, geben diesem durch ihre Bewegung und Richtung eine Fülle und Breite, ohne welchedas ästhetische Wohlgefallen nicht in gleichem Maße vorhanden wäre. Denn die Kunst hat die Aufgabe, über die natürlichen Verhältnisse hinauszugehen und die Wirklichkeit zur Idee zu erweitern; aber nicht allein äußerlich betrachtet, sondern auch in der geistigen Erscheinung, in der innern Bedeutung und Größe will die Kunst die Wirklichkeit läutern und reinigen, will sie die mangelhafte Existenz zur Vollkommenheit verklären. In einer solchen idealen Größe sitzt der Moses von Rauch auf der felsigen Höhe und betet um Verleihung des Sieges an Israel. Das Gebet, das aus diesem Munde strömt, in diesen Augen glänzt, aus dieser Stirn seine Gedanken schöpft und mit diesen Händen empor getragen wird, dieses Gebet, das aus allen Gliedern und Verbindungen dieses Körpers hervordringt, kann nicht unerhört bleiben, es muß den Vater im Himmel rühren, wie es Jeden rührt, der vor diesen Moses tritt, und unwiderstehlich hinreißt, mitzubeten. Das war der erste Eindruck, den dieses Werk auf mich machte, und der immer wiederkehrt, so oft ich davor stehe. Ja seine Gewalt ist derart imponirend, daß selbst das Gipsmodell, Rauch's eigene Arbeit und in dem seit einigen Monaten etablirten Rauchmuseum in Berlin aufgestellt, denselben großartigen Eindruck erzeugt, eine Erscheinung, die sonst nicht stattzuhaben Pflegt. Ihre volle Abrundung erhält die Mosesfigur durch die von dem Haupte ausgehenden Strahlen und den damit im Zusammenhang stehenden Schleier, welcher nach hinten geworfen ist. Allerdings sind das Attribute, welche die Bibel'' dem Moses giebt, und sie gehören thatsächlich zum Typus, in welchem schon Michel Angelo seinen Moses darstellt und welchen seitdem auch die Malerei sich angeeignet hat. Jndeß erscheint mir die Darstellung der Strahlen wenig für die Plastik geeignet, da ihr Material fest und kräftig ist, in welchem die Strahlen mehr regungslos, als wirkungsvoll, mehr belästigend, als in fteien Linien fließend erscheinen. Nicht auf die Zeichnung der Bibel läßt sich der Bart zurückführen, der in vollen Stränen vom Kinn des Moses herabfällt, allein er ist in der Kunst traditionell und wurde, schon in der griechischen Plastik bei älteren Gestalten angewendet. So sorgfältig und demnach ideal wie die Hauptfigur hat Rauch auch die beiden Seitenfiguren dargestellt. Aharon, der Bruder Moscheh, wendet das Auge von diesem 4) 2 B. M. Cap. 34. V. 30 und 34.