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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-07-31 · Heft 31 (31.7.1866) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 31 (31.7.1866)
Date
1866-07-31
Page
Seite 494 (sequence 12)
Language
German
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allen Kunstsinn vor derselben steht und zu einem ästhetischen Genuß nicht befähigt'erscheint, fühlt sich in ihrem Anblick ergriffen und zu einer gewiffen sachgemäßen Beurtheilung angeregt. Jeder versteht genau den Zusammenhang der Gruppe, begreift klar die Bedeutung der einzelnen Figuren und erkennt ohne allen Commentar, daß der Held der Situation in heiligem Gebet vor Gott sich befindet, die beiden Andern seine Hände unterstützen, damit sie nicht ermüden und die Wirkung des Gebets unterbrochen würde. Jüdisch ist der Charakter dieses Vorgangs, davon hält man sich sofort überzeugt, ohne sich davon Rechenschaft abzulegen und ohne an die vielleicht nationale Gesichtsbildung der Gestaltenzu denken. Wer nur die geringste Erinnerung an die biblischen Erzählungen bewahrt, * bringt die Darstellung des betenden Moscheh damit in Verbindung, wie sie im zweiten Buch Moscheh Kapitel 17, Vers 8—13 enthalten ist. Dort heißt es: „Es kam Amalek und stritt mit Israel in Refidim. Und Moscheh sprach zu Josua: Erwähle uns Männer und ziehe aus, kämpfe gegen Amalek, morgen, dann werde ich den Gipfel der Anhöhe besteigen und den Stab Gottes in meiner Hand. Da that Josua, wie ihm Moscheh aufgetragen, zu streiten wider Amalek; aber Moscheh, Aharon und Chur stiegen hinan zum Gipfel der Anhöhe. Da geschah es, sowie Moscheh seine Hand erhob, siegte Israel, ließ er seine Hand sinken, dann siegte Amalek. Die Hände Mosch eh's aber wurden schwer, da nahmen Jene einen Stein und legten diesen unter ihn, darauf setzte er sich, Aharon und Chur unterstützten seine Hände, - von dieser Seite einer, von jener Seite einer, und so waren seine Hände heilskrästig bis zum Sonnenuntergang. Josua aber vernichtete Amalek und sein Volk mit der Schärfe des Schwertes." Dieses leichte und gleichsam aus sich quellende Verständniß der Gruppe 2) Der kunstgelehrte Di'. Alfred Woltmann (Nationalzeitung vom 4. April 1866 im Feuilleton) bemerkt: „Der Gegenstand selbst kam der plastischen Ausführung nicht gerade entgegen. Der Bildner kann diesen Gegenstand nicht unmittelbar für's Auge verständlich machen, wie es der Maler vermöchte, der uns den fernen Kampf zeigte... Was wir im plastischen Werk sehen, ist nichts als ein Gebet, und um uns klar zu machen, was dies besondere Gebet bedeute, bedürfen wir zu sehr die Hilfe der Reflexion." Diese Gefahr jedoch scheint mir in dem gegebenen Falle so sicher ausgeschlossen, als wenn der Vorgang durch die Malerei ausgedrückt wäre, da der Gegenstand selbst einer gar zu allgemeinen Kenntniß im Publikum genießt, zu sehr populär ist. sichert' ihr vor Allem ein unvergängliches Interesse beim Publicum und zeichnet sie als ein Kunstwerk im ^rechten Sinne aus. Denn der Zweck eines solchen ist, die reine Harmonie unserer Gefühle zu unserer Erkenntniß zu bringen, den edlen Wohllaut der Empfindungen durch die Seele zu führen und an dem gewußten und erkannten Vorgang, der sich vor uns vollzieht, unsere Kräfte zu läutern. Dieser Beruf der Kunst geht aber entschieden verloren, wenn wir mit Fragen und Nachdenken vor ihren Schöpfungen zubringen, wenn wir aus ihnen ein klares Verständniß der Darstellung nicht gewinnen können und verlegen um die Bedeutung des Einzelnen oder des Ganzen mehr zum Studium, als zum Genuß des Werkes gezwungen sind. Die Mosesgruppe von Rauch zeigt uns nicht die erste plastische Darstellung des jüdischen Gottesmannes; schon Michel Angelo Buonarotti arbeitete (1513—1516) seine Mosesstatue, die zum Grabmonument des Papstes Julius II. in der Peterskirche zu Rom sich befindet. „Wer diese Statue einmal gesehen hat, schreibt Hermann Grimm/ dem muß ihr Eindruck für immer fest bleiben. Eine Hoheit erfüllt sie, ein Selbstbewußtsein, ein Gefühl, als stünden diesem Manne die Donner des Himmels zu Gebote, doch er bezwänge sich, ehe er sie entfesselt, erwartend, ob die Feinde, die er vernichten will, ihn anzugreifen wagen. Er sitzt da, als wollte er eben äuffpringen, das Haupt stolz aus den Schultern in die Höhe gereckt, mit der Hand, unter deren Arm die Gesetzestafeln ruhen, in den Bart greifend, der in schweren Stränen auf die Brust sinkt, mit weit athmenden Nüstern und mit einem Munde, auf dessen Lippen die Worte zu zittern scheinen . .. Der Moses ist die Krone der modernen Skulptur. Nicht allein dem Gedanken nach, sondern auch in Anbetracht der Arbeit, die von unvergleichlicher Durchführung sich zu einer Feinheit steigert, die kaum weiter getrieben werden könnte. Welch ein Paar Schultern mit den Armen daran! Welch ein Antlitz und die drohend sich zusammen ballenden Stirnmuskeln, der Blick, als überflöge er eine ganze Ebene voll Volks und beherrschte es. 'Die Muskeln der Arme, deren unbändige Kraft man empfindet!" Allein während Michel Angelo seine eigenen Gedanken in das Werk gelegt, das deshalb wie eine freie ideale Schöpfung des Künstlers anzusehen ist: erscheint der Moses von 3) Leben Michel Angelo's, 2. Ausl. Hannover, Carl Rümpler 1864; vergl. Zappi: Aus Michel Angelo's „Mose" in Frankl's Libanon S. 293.

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