Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1866)
- Date
- 1866-07-24
- Page
- Seite 477 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226558--24133-3251474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
477 zu befreien, sich schon lange auf die intentirte Judenhetze vorbereitete und freute. Es war in der ganzen Stadt bekannt, daß der gestrige Tag, an welchem der Artikel über die Emancipation in der Kammer berathen werden sollte, zum Ausbruch der Verfolgungen gegen die Israeliten bestimmt war; aber nichtsdestoweniger waren von Seiten der Regierung nicht die geringsten Maßregeln getroffen, um die jüdischen Einwohner vor Raub und Gewaltthat zu schützen. Gegen Mittag versammelte sich ein aus vielen hundert Menschen bestehender Volkshaufe auf der. Metropolie, wo die Kammer ihre Sitzungen hält, und verlangte unter Schimpfen und wüthendem Geschrei, daß das Emancipations-Gesetz zurückgezogen werde. Einen unglücklichen Juden, welchen man bei dieser Gelegenheit ergriff, schlug man so lange mit Händen und Stöcken, bis er ohnmächtig zusammensank und später den Geist aufgab. Die Deputaten verließen den Sitzungssaal, theilweise durch die Fenster, und eine Proclamation, unterzeichnet von Rosetti, Bratiano, Catargiu und Catacuzeno versprach dem Volke, daß die Fremden und die Juden in Rumänien keine Rechte erlangen sollten; aber der einmal aufgeregte Plebs war damit nicht zufrieden, sondern verlangte Opfer. Er zog nach dem neuen Judentempel, einem Meisterwerke der Kunst von Außen und Innen, und zerstörte denselben mit einem Vandalismus, welcher in der neueren Geschichte beinahe ohne Beispiel ist. Alles wurde zertrümmert, die Fensterscheiben zerschlagen, sämmtliche Zierrathen zerbrochen, uud selbst das Gewölbe', die Marmorplatten des Fußbodens und die eisernen Gitter demolirt. In einer Stunde war das prachtvolle Gebäude mit vielen, theils unersetzlichen, Kunstwerken verwüstet, und dann, aber erst alsdann, kamen einige Compagnien der Nationalgarde und Abtheilungen Dorobantzen auf dem Schauplatze der Zerstörung an und besetzten denselben. Die Angst der unglücklichen jüdischen Familien hatte während dieser Zeit den höchsten Grad erreicht;, aber auch sämmtliche christlichen Kaufleute in den Hauptstraßen hatten aus Furcht vor dem Pöbel sofort ihre Aden und. Gewölbe geschlossen. Jedermann durste nur noch auf sich selbst rechnen, um sein Leben und Eigenthum zu schützen. Eine große Menge von Israeliten hatte auf dem österreichischen und dem russischen Consulate Schutz gesucht und gefunden. Im Hofe des russischen Consulats campirten noch während der Nacht über hundert jüdische Familien. Der österreichische Consul schickte sofort einenDragoman an denPolizei- Präfecten, mit dem ernstlichen Ersuchen, Maßregeln zur Sicherheit der bedrohten Bevölkerung zu treffen, und derselbe versprach, daß die ganze Nationalgarde in der Nacht aufgeboten werden sollte, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es ist dieß geschehen; aber die Gefahr für die jüdische Bevölkerung ist nichts destoweniger noch nicht beseitigt. Die reicheren Juden erhielten Drohuud Brandbriefe, welche ihnen ankündigen, daß ihre Wohnungen ebenso zerstört werden würden wie die Synagoge, und es finden Erpressungen der nichtswürdigsten Art statt. — Während dessen kutschirt der sogenannte Regent des Landes in den Lagern herum. (Nach einem Telegramm der „Wiener Presse" habe die Regierung in Folge des Pöbelauflaufes den, den Juden günstigen Arükel des Verfassungsentwurfes zurückgezogen. Wenn dies wahr wäre, so hätte wohl unser Corresp. diesen wichtigen Umstand nicht mit Süllschweigen übergangen.) Soeben erhalten wir noch folgende Correspondenz.: Bukarest, 5. Juli. (Privatmitth.) Am 30. Juni sollte der Artikel der Constitution betr. der Juden voürt werden. Schon in aller Frühe erschien im Hofe der Metropolie, wo sich die Kammer befindet, ein Haufe Gesindel versammelt, der unter dem Vorwände, den Juden dürfen keine politischen Rechte eingeräumt werden, nur die Gelegenheit suchte, die Juden zu plündern. An der Spitze des Pöbels, stand ein gewisser Balliak, den man früher in Verdacht gehabt, an dem Diebstahl der ungarischen Krone sich betheiligt zu haben, eine Kreatur Kusa's. Der Haufe schwoll an, und da ihm die Zeit zu lang wurde, begann er zu schreien, daß die Juden, die sich als Zuhörer in der Kammer befänden, herauskommen sollten. Glücklicher Weise war Niemand, von diesen dort anwesend. Hierauf verlangte man, daß die Minister Rosetti und Bratiano aus der Kammer herauskommen sollten. Diese retteten sich durch ein Fenster vor den Mißhandlungen des rohen Volkes. Als dieses sah, daß es hier nichts ausrichten könne, zogen sie zum neuen Tempel, einem der schönsten Gebäude Bukarests, und verwandelten ihn in einer halben Stunde zu einer Ruine. Jetzt erst schritt die Nationalgarde ein und nahm einige Verhaftungen vor. Obgleich bis dahin die Privatpersonen verschont geblieben, 30*