Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-07-17 · Heft 29 (17.7.1866) · p. Seite 452

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 29 (17.7.1866)
Date
1866-07-17
Page
Seite 452 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226557--24107-3251447
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ein, und kann so in größeren und kleineren Zügen innerhalb der späteren politischen Erscheinungen wieder auf-' gefunden werden. Es versteht sichvon,selbst, daß wir 'hier nicht von jedem beliebigen Machwerk sprechen, sondern von den Ausflüssen großer, hervorragender Geister. Aus dem mächtigen Geistesleben des hellenischen Volkes erheben sich zwei. Männer, welche, wie sie die genialsten Denker des Alterthunis^warech auch auf MitteWer und Neuzeit den nachhaltigsten Einfluß übten und uns noch heute am nächsten stehen. Man hat lange geglaubt, daß es Aristoteles sei, welcher der modernen Welt am meisten gegeben und am ehesten Geist von ihrem Geiste gewesen. Aber bei tieferer Auffassung verhält es sich nicht so, und so mächtig auch seine Einwirkung war, so lag diese doch mehr im Formalen für Denken, Wissenschaft und Leben. Sondern sein Lehrer Plato war es, dessen tiefes Gemüths- und Geistesleben der späteren Welt viel naher stand, die leuchtendsten und wärmendsten Flammen für sie entzündete, und ihr, wenn auch weniger sichtbar, aber darum mehr in der Tiefe, an Inhalt und Wesen abgab. Bekanntlich hat Plato eines seiner größeren Werke der Politik gewidmet. Die „Republik" überliefert uns seine Ansichten über den Staat, wie er sein sollte, wie er ihn aufgebaut haben möchte. Je weiter er darin von der geschichtliches Wirklichkeit alter und neuer Zeit zu entfernen, je mehr er seinen Staat nach seinen Prämissen und Tendenzen zu gestalten schien, desto mehr wurde lange Zeit dieses Werk als ein Spiel idealistischer Träumerei angesehen, welchem jeder reale Boden fehle, und der „platonische Staat" erweckte nur das Lächeln der selbstbewußten Staatsmänner. Die neuere Zeit mit ihrer höheren Geschichtsanschauung, mit ihrer tieferen Auffassung des geistigen Inhalts^ mit ihrer schärferen Verbindung der äußeren und inneren Wesentlichkeiten des historischen Stoffes ist auch hierin gerechter geworden, und es hat sich der Forschung nicht entzogen, daß auch der platonische Staat seine Wurzeln in den realen Verhältnissen und Erfahrungen habe und einen mächtigen Einfluß auf das christlich mittelalterliche Leben geübt, ja, daß er zwar in seinen Prinzipien denen des modernen Staates gegensätzlich ist, in seinen, einzelnen Einrichtungen aber dennoch einige Aehnlichkeit mit dem Letzteren besitzt. Solche, ganz factisch gehaltene Nachweisungen entziehen auch die Republik Plato's dem Reiche der Träumereien, und erweisen sie als ein großes Product des hellenischen Geistes, den er uns in seinen Grundzügen abermals offenbart. Von hier aus erhalt das Werk Platons speziell auch für uns eine neue Bedeutung. .Ms ein ^höchstes und letztes Product des wahren hellenischen Geistes fordert es uns zu einer Vergleichung mit dem mosaischen Staate in prinzipieller und spezieller Rücksicht heraus. Wir müssen uns die Fragen stellen: sind sie sich ähnlich? oder verschieden? .gehen sie von Denselben Grundsätzen aus und streben nach-denselben Zielen? öder nicht? Und da wir nun alsbald auf ihre völlige Verschiedenheit stoßen, so fragen wir: worin liegen diese Gegensätze? — Wir haben in einer früheren Abhandlung *) nachgewiesen, daß bezüglich des Gottesbegriffes Plato unter allen griechischen Philosophen derjenige gewesen, welcher der Gotteslehre der h. Schrift am nächsten kam. Auch in ethischer Beziehung bietet er sehr viele Anknüpfungspunkte, wenn er auch auf diesem Gebiete im weiteren Verfolge dem Christenthume näher steht, auf dessen' Entwickelung der Platonismus einen sehr großen Einfluß geübt. Gerade darum liegt uns die Frage, die uns jetzt beschäftigt, um so näher. Denn bei Plato wie in der Thorah ist die Staatsidee eine organische Consequenz ihrer Gottes- und Weltanschauung. Um der Unparteilichkeit willen aber legen wir dieser unserer Untersuchung bezüglich des platonischen Staates lieber die Abhandlung eines anderen Autors zu Grunde, der nicht im Entferntesten die Absicht gehabt, eine Vergleichung mit den mosaischen Staatsgrundsätzen und Einrichtungen anzustellen. Wir entgehen dadurch dem Vorwurfe, welchem man sich bei derartigen Gegenüberstellungen aussetzt, daß man unwillkürlich oder absichtlich nur solche Züge auswähle und hervorhebe, welche der einen Seite mehr Licht, der anderen mehr Schatten zuführen. Wir meinen nämlich die Abhandlung des Professor Zeller in seinem bereits mehrfach citirten Werke: „Der platonische Staat in seiner Bedeutung für die Folgezeit." Bevor wir jedoch näher auf das politische System eingehen, müssen wir einen Blick auf die genetische Ver- *) S. die Aussprüche der griechischen Philosophen über Gott als Beilage.1 in unserer „Israelitischen Religionslehre" Bd. I, S. 182 ff. In der vortalmudischen Zeit hat daher auch, wo die Juden mit der griechischen Bildung in Berührung kamen, der Platonismus bei ihnen schnell und üppig Wurzel gefaßt; der talmudischen Entwickelung dagegen stand Aristoteles an Geistesrichtung und Methode um Vieles näher, und die talmudgeschulten jüdischen Denker hielten sich daher stets an Aristoteles, trotzdem dieser der Gotteslehre und ihren Conseguenzen völlig fern steht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.