Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1866)
- Date
- 1866-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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30. Jahrgang. Allgemeine M LS. Zeitung -es Zu-enthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon irr Bonn. Leipzig, den 17. Juli 1866. Diese Zeitung, erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 11/2 bis 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig 1 Thlr. IS Rar. Vierteljährig 22^2^Ngr. Jnserate'werden mit \1j2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expehitionen nehmm Bestellungen an; der Haupt-Spedition für beide Letztere hat sich das Königl. Sachs. Haupt-Zeitungs-Burcau hier unterzogen. Inh all. Leitende Artikel: Der platonische und der mosaische Staat. — Jean Bodin (Schluß). — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichtenr Deutschland: München, Von der Donau. Preußen: Breslau, Rheda, Goch. Oesterreichischer Kai sersta at: Aus Böhmen. Schweiz: Endingen. Donaufürstenthümer: Jassy, Bukarest. Rußland: Kiew. Palästina: Jerusalem. Leitende Artikel. Bonn, 8. Juli. Der platonische und der mosaische Staat. Wir.glauben, daß Theorieen über den Staat und seine Einrichtungen ohne Bedeutung, Beschäftigungen müßiger Philosophen, Hirngespinste, die ohne Einfluß auf die Wirklichkeit , sind. Der Staat sei etwas ganz Reales, von realen Bedingungen, und Verhältniffen beherrscht, bei denen Theorieen, und seien sie noch so tief gedacht und gut gemeint, nichts vermögen So pochen sie auf ihren Realismus, und thun sich etwas zugute darauf; sie schelten ihre Gegner Idealisten oder Ideologen. Und doch irren sie ganz und gar. Denn es giebt nichts Reales, in welchem nicht eine Idee lebte, nach und aus der es geworden, durch die es sich gebildet, mit der es lebt, abstirbt-und vergeht; so wenig wie es etwas Materielles giebt ohne in ihm wohnendes Gesetz. Derjenige Staatsmann der neueren Zeit, welcher am meisten auf die „Ideologen" .schimpfte, ja sie haßte und verfolgte, Napoleon I., war vielleicht derjenige, welcher am meisten von gewissen Ideen beherrscht war, um derentwillen er die realen Verhältnisse ganz übersah , und an denen er auch unterging. Die Weltherrschaft, die er anstrebte, die Ausnutzung der Völker, die Continentalsperre, der Feldzug in Rußland waren Ideen, die allen realen Bedingungen Hohn sprachen. In ihm bestanden nur zwei Begriffe: die Idee und die rohe Materie; seine Idee sollte herrschen und alles Menschliche nur Materie und Mat^ rial für sie sein. Gerade das echt Reale fehlte ihm gänzlich, und er befehdete die „Ideologen" wahrscheinlich nur, weil sie seiner Idee andere Ideen gegenüberstellten, denen er keinen Raum laffen wMte. Sein Haß war instinctiv, und er selbst ein großer Ideologe. Staatstheorieen sind aber in zwiefacher Beziehung zu betrachten und von- Wichtigkeit. Jeder Denker steht auf dem Boden der Gegenwart, und die Gegenwart hat sich aus der Vergangenheit entwickelt. Mag der Denker auch noch so sehr von Oertlichem und Zeitlichem zu abstrahiren suchen; was in ihm lebt, woraus sich seine Combinationen entfalten, ging aus Vergangenheit und Gegenwart hervor, knüpft sich an Erfahrungen und Anschauungen der vergangenen und gegenwärtigen Zeit. Eine jede Staatstheorie bietet uns daher nach einer Seite hin ein Charakterbild der Zeit und. des Volkes dar, in welcher sie entstanden, sie trägt das Gepräge eines Erzeugnisses derselben, sie^ bietet uns mehr oder weniger die Prinzipien, welche den'realen Verhältniffen und Bewegungen einwohnten. Da sie aber auch Combinationen, Folgerungen und Schlüffe. umfaßt, reicht sie; auch andererseits in die. Zukunft hinaus, und übt. auf .diese einen bildenden Einfluß, wirkt auf deren Gestaltung