Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1866)
- Date
- 1866-07-10
- Page
- Seite 445 (sequence 11)
- Language
- German
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den sonst junge Damen ttt die Versammlung gegangen sein, denen sonst weniger daran gelegen zu sein scheint in sich eine neue religiöse, Flamme, als ihr schönes Angesicht in üngeweihter Umgebung, in neuer Situation leuchten zu lassen? Doch zur Sache: Seit der Mortara- und Kohen-Affaire, die dem Papstthum mehr schadeten als nützten, ruhen die etwas derben Missionsbestrebungen Roms, hat es doch jetzt die Hände vollauf damit zu thun, sich den Besitz auf Erden, als daß 'es sich damit abgeben könnte andern den Besitz im Himmel zu sichern. Auch die indirekten Bemühungen des böhmischen Janhagel, das Judenthum zu verleiden, sind verhallt, seitdem der Skandal der Pribramer Silberdefraudationen überboten ist durch einen größeren Skandal, eine ganz verzwickte Wundergeschichte, die vor Gericht verhandelt wurde und in welcher zwei katholische Geistliche und ein ganz neu fabrizirter Erzengel Nell Rollen spielten. Was den starken, rohen Mitteln nicht gelang, gelingt vielleicht den feinern, und für gescheidte Leute ist zuweilen ein Schlüsselloch eine ebenso bequeme oder noch bequemere Oeffnung, als eine eingesprengte Thüre. Und zu derart gescheidten Leuten gehört auch Herr von Andel, dessen gestrige Predigt von Aeußerungen der Humanität und Anerkennung, ja Erhebung der Juden überströmte. Nur Schade! daß der Prediger nicht vor einem größern christlichen Publicum sprach, und daß derselbe auch seine Behauptungen nicht öfter in seinen gewöhnlichen Predigten vorbringt, die vor Christen gehalten werden. Gewiß wären sie da sehr am Plätze um die den Juden gegenüber so wenig manifestirte christliche Liebe zum Durchbruch zu bringen, und es würde vielleicht auf diesem Wege, wenn auch indirekt, doch intensiver zur Bekehrung der Juden, beitragen. Diese haben nämlich zur Religion der Liebe insolange kein rechtes Zutrauen, als sie von den Bekennern dieser Religion der Liebe gar so viel Lieblosigkeit erfahren. Ein geehrter isr. Prediger hierorts hat, sobald er von dem ersten stattgehabten Vortrage des Herrn von Andel erfuhr, in öffentlicher Kanzelrede vom Besuche der Vorträge des ev. Pastors abgerachen; wir anerkennen, die gute Absicht des Herrn Rabbiners, können jedoch nicht mit ihm übereinstimmen. Mögen immerhin Juden diese Missionspredigten besuchen, sie werden daraus die tröstliche Erfahrung mitnehmen, -daß man wenigstens zum - Theile unter den Christen jetzt milder und humaner gegen Juden Und Äudenthüm denlt, und zu handeln entschlossen ist. Eine Beeinträchtigung jüd. Rechtgläubigkeit ist durchaus nicht zu befürchten, um so weniger als Herr von Andel sich seine Aufgabe als eine gar zu leichte zu denken scheint. Oder meint Herr von Andel ernstlich, den Juden weiß machen-zu können, das Gefühl der Zusammengehörigkeit existire nicht unter ihnen, die einen Cremieux, einen Montefiore mit Stolz und Freude ihre Stammesbrüder nennen, und deren Wohlhabende nirgends zufrieden, ihre Brüder an den landesüblichen Wohlthätigkeitsinstituten theilnehmen zu sehen, besondere Institute mit den größten Opfern für ihre Armen errichten? Oder meint Herr von Andel, die Israeliten seien mit ihren eigenen Zuständen in jetzigen und früheren Jahrhunderten wenig bekannt, um zu glauben, es sei bei ihnen die Kenntniß der Bibel und das Interesse für dieselbe erst durch englische Bibelgesellschaften rege geworden? Ist es Herrn von Andel überhaupt Ernst mit dem Ausspruche, das Judenthum habe nicht schonjetzt die hohe Mission, die Ideen des Monotheismus durch die Welt zu tragen, sondern es könne diese Aufgabe erst dann erfüllen, wenn es von allen Ecken und Enden der Erde nach Palästina versammelt, von dort aus sein Missionswerk beginnen werde? Hier sind wir bei einem Punkte angekommen, den wir etwas genauer ins Auge fassen, und für dessen Besprechung wir die Aufmerksamkeit und Geduld unserer Lehrer besonders beanspruchen müssen. . Extreme berühren sich,-und zufolge dieses alten Satzes geschieht es vielleicht, daß Herr von Andel, der ev. Missionär, fast dasselbe sagt, was wir vor einigen Jahren im hyperorthodoxen Israeliten zu lesen bekamen, der ebenfalls die Aufgabe des Judenthums an Palästina gebunden glaubt. - Kann aber die Mssion der Juden und des Judenthums erst nach einer gewissen langen Zeit und nur von einem gewissen Orte aus vollführt werden, so hätte die Vorsehung wohl besser und weiser gehandelt, wenn sie Juden und Judenthum anstatt eines an Qualen reichen Lebens einen Schlaf ä la Khffhäuser gewährt, oder beide gleich dem Frosche, . von dem s. Z. die Zeitungen erzählten, in ein Gestein hätte einwachsen- und zu rechter Zeit durch die Hand eines hierzu besonders designirten Steinbrechers hätte erlösen lassen. Der Vorwurf, den Herr von Andel den Juden Macht, daß sie niemals so eigentlich Mission getrieben 28*