Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1866)
- Date
- 1866-07-10
- Page
- Seite 439 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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439 vieler bedeutender Philosophen auf sich gezogen hat. Leibnitz schien zuerst das Werk so gefährlich für die christliche Religion zu sein, daß er den Wunsch aussprach, es möge nie veröffentlicht werden. Ja, er verfaßte eine besondere Widerlegung dieser Schrift, die freilich gleichfalls nie gedruckt worden ist. Später änderte er seine Ansicht, und während er in einem Briefe an einen Freund viele andere Bücher, die gegen die christliche Religion geschrieben sind, als verächtlich und der Veröffentlichung nicht würdig bezeichnet, nimmt er das Heptaplomeres wegen seiner tiefen Gelehrsamkeit, Unparteilichkeit und Urtheilsschärfe aus und räth seine Publicirung an, allerdings mit guten Anmerkungen versehen. Sein Wunsch ging, wie erwähnt, erst spät in Erfüllung. Die äußere Scenerie des Heptaplomeres ist eine sehr glücklich gewählte. Im Hause eines reichen Katholiken zu Venedig, Coronäus, kommen ein Protestant (Friedrich), ein Kalvinist (Kurtius), ein Mohammedaner (Octavius», ein Jude (Salomo), ein Halbskeptiker (Senamus) und ein idealistischer Philosoph (Toralba) zusammen, um sich über die wichtigsten Angelegenheiten der Religion und der Metaphysik zu unterreden. Bodin unternimmt es nun nicht, auf jede Frage bestimmte abschließende Antworten zu ertheilen, aber bei jedem Gegenstände tragen zuletzt stets Salomo und Toralba — der Jude und der Idealist — ziemlich deutlich den Sieg davon. Zwar ist der Jude etwas beschränkter und exclusiver in seinen Ansichten, als der Idealist; aber dennoch stehen beide sich ungemein nahe. In Toralba, dem philosophischen Theisten, tritt klar der Berfasier selbst hervor, der sich somit selbst als dem Judenthume sehr nahe stehend erweist. Was nun im Besondern die Figur des Juden anbetrifft, so ist sie günstig genug gezeichnet.. Allerdings besteht er auf der Bibel und ihren jüdischen Interpretatoren, indeß nur in sprachlicher Beziehung legt er ihnen unbedingte, alle Vernunftbeweise unnöthig machende Wichtigkeit bei. Dazu ist er nicht nur im Hebräischen, sondern auch im griechisch-römischen Alterthum, ja selbst in den Kirchenvätern wohl bewandert. Hohe Tugend spricht sich in jedem seiner Worte aus. Welchen Gegensatz bietet ihm der Katholik Coronäus mit seinem unentwickelten Denken und seiner blinden Anhänglichkeit an die kirchliche Autorität! Das ganze, ziemlich umfangreiche Werk ist in fünf Bücher getheilt. Aber eigentlich zerfällt es in zwei Theile, von welchen der erste - sich über die drei ersten Bücher erstreckt und über die Metaphysik handelt; der Hauptsprccher ist Toralba. Der zweite Theil enthalt eine kritische Vergleichung der Religionen, hier ist die hervorragendste Person Salomo, meistentheils von Toralba unterstützt. ' Der erste, philosophische, Theil ist sehr schwach. Bodin ergeht sich in so thörichten Träumereien über Wunder, Dämonen und Engel, daß sie nur durch den geistigen Zustand der damaligen Zeit erklärt werden können. Als seine Anschauung von der Welt und ihrem Ursprung ergiebt sich aus der verworrenen Abhandlung Folgendes: Es giebt einen ewigen und unendlichen Gott, welcher die Welt mittelbar durch Genien regiert; die Naturgesetze, welche er gegeben, kann er auch, je nach den Umständen und seinem Gefallen, vollständig aufheben und umändern; die Seele ist eine verfeinerte Materie, die zwar den Körper überlebt, aber, wie alles Geschaffene, nicht unsterblich ist; sie hat die freie Wahl zwischen Gutem und Bösem, wird von den Engeln zu jenem, von den Teufeln zu diesem veranlaßt und empfängt je nach Verdienst Lohn oder Strafe. Bei weitem bedeutender, als diese Mischung von Sinn und Unsinn, ist der zweite Theil, die Kritik der verschiedenen Religionen, der sich durch Schärfe, Klarheit und Gelehrsamkeit gleich auszeichnet. Auf diesen wollen wir etwas weitläufiger eingehen. Im Beginne des vierten Buches kommen die Freunde auf die Verschiedenheit der Religionen zu sprechen. Während der Katholik, der Kalvinist und der Protestant behaupten, man dürfe in jedem Staate nur eine, die wahre, Religion dulden, entgegnet der Skeptiker, daß man unter so vielen Religionen keine zur Staatsreligion auswählen dürfe, denn man könne ja-gerade eine falsche herausheben; der Muhammedaner aber weist darauf hin, daß nach der Lehre der Türken alle, welche der von jedem Einzelnen .angenommenen Gottheit treu dienen, Gott wohlgefällig seien, und hiernach wäre auch die religiöse Duldung bei den muhammedanischen Völkern allgemein. Auch Salomo, obwohl er die ausschließliche Wahrheit der jüdischen Religion stark hervorhebt, stimmt für vollkommene Toleranz, denn Gott sehe auf den guten Willen des Menschen und nicht auf die richtigen oder falschen Schlüsse seines Verstandes. Nur diejenigen, fährt er fort, welche überhaupt Verächter der Gottheit, der wahren oder der fälschlich geglaubten, seien, würden von Gott bestraft. . Nur schwach und selbst halb vom Gegentheile überzeugt, vermögen die Christen diesen Erörterungen zu widersprechen. Welche von den vielen Re-