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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-07-10 · Heft 28 (10.7.1866) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 28 (10.7.1866)
Date
1866-07-10
Page
Seite 438 (sequence 4)
Language
German
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rig, einen größern Schauplatz zur Geltendmachung seiner Talente zu finden, begab er sich im Jahre 1501 nach - Paris. Er versuchte es, als Advocat aufzutreten, aber die vielen kleinlichen Beschäftigungen und Streitigkeiten, ' welche dieses Gewerbe mit sich führt, waren seiner Gei- ' stesrichtmig nicht angemessen und so widmete er sich ganz der Theorie der Rechts- und Staatswissenschast. Durch seine geistreichen Schriften „Anleitung zum leichten Verständniß der Geschichte" und „Ueber die Münzen und die Theuerung" machte er sich überall als einen gelehrten, scharfsinnigen und freidenkenden Mann bekannt, so daß er bald in den Staatsdienst gezogen wurde und hier eine S/ufe nach der anderen erstieg. Jedermann wußte von der Duldsamkeit seiner religiösen Ansichten, und so entging er in der schrecklichen Bartholomäusnacht nur mit Mühe den ihn bedrohenden Dolchen fanatischer Mörder. Aber so hoch auch Bodin in der Gunst der Könige Karl-IX. und Heinrich III. stand, so ließ er sich doch durch deren und sein eigenes Interesse nicht einen Fuß breit von den edeln Grundsätzen entfernen, die er sich zu eigen gemacht. Als er im Jahre 1576 von dem Bürgerstande lTiers-Etat) der Provinz Vermandois zum Abgeordneten für die Versammlung der Reichsstände zu Blois ernannt worden war, scheute er sich nicht, seiner eigenen Provinz, der Mehrheit der Ständemitglieder und dem Könige selbst gegenüberzutreten, indem er die Sache der religiösen Duldung einerseits und des Steuerbewil- ' ligungsrechtes des Volkes andrerseits mit großem Muthe und ausgezeichneter Geschicklichkeit vertheidigte. Die königliche Ungnade, welche der Ehrenmann durch seine unabhängige Haltung sich zugezogen hatte, ließ ihn wieder zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten zurückkehren. Haß gegen den König Heinrich III., Furcht vor den schlimmsten Verfolgungen und der allgemeine Zug der Zeit ließen ihn eine Weile lang der eifrig katholischen Ligue gegen Heinrich ÜI. und Heinrich IV. sich anschließen: aber er zeichnete sich unter diesen Zeloten bald durch seine Mäßigung und Friedensliebe so aus, daß sie den bittersten Haß gegen ihn faßten. Endlich brach er dann auch entschieden mit der Ligue und lebte noch drei Jahre in Zurückgezogenheit in Laon, wo er 1596 starb. Dieses ist das vielfach bewegte Leben Bodin's, dessen Charakter sich mit großer Deutlichkeit in seinen Thaten wiederspiegelt; es bietet derselbe einen auffallenden, aber anziehenden Widerspruch zwischen Ehrenhaftigkeit und festem Bestehen bei den einmal für gut befundenen Grundsätzen. einerseits und Beweglichkeit und Bestimmbarkeit andrerseits, lind wie fein Charakter, so war auch seine wissenschaftliche Richtung wunderbaren Gegensätzen unterworfen. Er ist hierin gleichsam ein Ausdruck seiner viel bewegten und zerklüfteten Zeit. Während er mit vollkommener Ueberzeugung an Hexerei glaubt und zu deren Bestrafung auffordert, während er mit Hartnäckigkeit an dem antiken System der Astronomie festhält, während er sich träumerisch in die Tiefen pythagoräischer Zahlenmystik versenkt: zeigt er sich wieder als den schärfsten, mit allen Waffen staunenswürdiger Gelehrsamkeit, unermüdlich forschendem Verstände und mächtig umfassender Vernunft ausgerüsteten Kritiker im Felde der politischen, sozialen und religiösen Bestrebungen der Menschheit. Nur Eines bleibt sich stets bei ihm gleich: die idealistische Richtung, welche uns in allen seinen Schriften angenehm berührt und mit Liebe zu dem Autor erfüllt. — In politischer Beziehung war Bodin zwar Anhänger des absoluten Königthums; aber unterscheidet scharf zwischen dem patrimonialen und tyrannischen Königthume, welche er verdammt, und dem gesetzmäßigen Königthume, welches allen Anforderungen des Staatsrechtes gehorchen, soll. Er fordert für die Unterthanen vollständige Herrschaft über ihr Privateigentum und deshalb auch das Recht der Steuerbewilligung. Er fordert von den Beamten, daß sie nur rechtmäßigen Befehlen des Fürsten gehorchten. Er erklärt — aus den Anschauungen seiner Zeit heraus — die Tödtung des Tyrannen für erlaubt, ja geboten. So sucht er staatliche Kraft und Ordnung mit der Freiheit des Einzelnen als' solchen zu vereinen. — Als Nationalökonom war Bodin der vereinzelte Vorläufer des neunzehnten Jahrhunderts, indem er Wahrheiten aufstellte, die erst drei Jahrhunderte nach seiner Zeit wieder als solche anerkannt worden: besonders den Einfluß der in einem Lande vorhandenen Menge von Gold und Silber auf die Preise der anderen Waaren und die Segnungen des Freihandels. Aber unser Hauptzweck ist es, auf die religiösen Anschauungen dieses großen und trefflichen Mannes näher einzugehen. Sie sind vorzüglich niedergelegt in seinem Heptaplomeres oder „Siebenfachen Gespräch", einem Werke, welches, obwohl es bis vor kurzem nur imManuscript vorhanden war,*) dennoch die Aufmerksamkeit *) Die erste gedruckte (halb deutsche, halb französische) Ausgabe ist von Guhrauer besorgt lBerlin 1841). Im Jahre 1857 hat L. Noack, Professor in Gießen, die von dem Autor selbst gefertigte lateinische Uebersetzung vollständig edirt.

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