Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1866)
- Date
- 1866-07-03
- Page
- Seite 423 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226555--24076-3251414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zerstreute Bemerkungen. 13. Zu den drei Fragen in No. 21. Wir haben in No. 21 die drei Fragen eines christlichen Blattes „an alle denkende Israeliten" betreffs unserer Broschüre über die Kreuzigung Jesu *) beantwortet, und gestatten uns heute zur Bekräftigung unserer Beantwortung noch einige Bemerkungen. — Jener Fragesteller warf auch ein, daß, wenn die Juden die Lebensgeschichte Jesu wie ste in den Evangelien zum Vorschein kamen, hätten widerlegen können, sie es doch schon in den ersten Jahrhunderten gethan hätten. Allein wie sehr die Legende schon in den anfänglichsten Zeiten des Christenthums in demselben vorherrschend und geltend gewesen und allen Widersprüchen gegenüber geltend blieb, davon fanden wir in den jüngsten Tagen ein eclantes Beispiel. Wir führen es an, und zwar mit den Worten des betr. christlichen Autors. Professor Dr. Zeller giebt in seinen „Vorträgen und Abhandlungen geschichtlichen Inhalts" eine vortreffliche Lebensskizze des auch als Schriftsteller gefeierten römischen Kaisers Marcus Aurelius Antoninus. Bekanntlich waren dieser und sein Vorgänger und Adoptivvater Antoninus Pius die besten, erleuchtetsten und humansten römischen Kaiser. Marc Aurel war der stoischen Philosophie er¬ *) Wir brauchen nicht erst zu bemerken, daß, wie jene Broschüre in verschiedenen theologischen Zeitschriften mit bitterem Ingrimm angefochten worden, auch eine Menge billigender und zustimmender Kritiken in den verschiedensten Zeitschriften erschienen sind, die hier aufzuzählen wohl nicht der Ort ist. In diesen Tagen kam uns die holländische Zeitschrift De Dageraad Jhrg. XI. Th. 22. 2. Lief., Amsterdam, I.Mai 1866. zu, in welcher ein kritisches Referat über die holländische Uebersetzung der Broschüre: Lodden werkelijk de Joden Jezus gekreuisigd? Bescliouwing van en naar Dr. L. Philippson. Zutphen, W. J. Thieme & Co., 1866. enthalten ist. (Wir selbst haben noch kein Exemplar dieser Uebersetzung erhalten.» Der Verf. der Kritik, einer der Redacteure des Dageraad, Nr. W. B. Westermann, spricht sich sehr zustimmend aus, und empfiehlt nachdrücklich „Jedem, dem es um Wahrheit zu thun ist, an, dieses Schriftchen mit Aufmerksamkeit (met aandacht) durchzulesen. Der Verf. hat in dieser unparteiischen Untersuchung jedem unparteiischen Leser die Anleitung gegeben, sich von der Unschuld der jüdischen Nation hinsichtlich des Todes Jesu die volle Ueberzeugung zu verschaffen." — In diesen Tagen erschien auch in New-Hork eine englische Uebersetzung, verfaßt von Maurice Mayer, deren Ankündigung uns bereits zugekommen ist. geben und trug deren Lehren nicht allein schriftlich vot, sondern übte sie auch im Leben aus. Einige Hauptzüge dieser Philosophie in ethischer Beziehung haben viele Aehnlichkeit mit der christlichen Lehre in deren erstem Zeitalter, und es haben daher einige behauptet, daß die letztere ^auf die erstere influirt habe. Dem aber steht die außerordentliche Härte und Feindseligkeit entgegen, welche Marc Aurel gegen die Bekenner des Christenthums verübt hat. Auf jene Behauptung aber fährt der citirte Schriftsteller so fort: „Und es giebt wirklich eine Ueberlieferung, welche den frommen Kaiser mit dem Christenthume in eine freundliche Berührung kommen läßt. Wie der römische Stoiker Seneca von der christlichen Sage mit dem Apostel Paulus in Verbindung gesetzt, und zum Beweise dieser Verbindung ein angeblicher Briefwechsel beider vorgezeigt wurde, so begegnet uns Aehnliches bei Marc Aurel. In dem Markomannenkriege— so erzählen christliche Schriftsteller in der nächsten Zeit nach dem Tode, ja vielleicht noch zu Lebzeiten des Kaisers — wurde Marc Aurel in einer wafferlosen Gegend von einer überlegenen feindlichen Macht abgeschnitten, so daß er in der dringendsten Gefahr war, mit seinem ganzen Heere zu verdursten. Da warfen sich die christlichen Soldaten im Heere — angeblich eine ganze Legion, welche deshalb den Beinamen der blitzschleudernden erhalten haben soll — auf die Kniee, und ihr Flehen rettete die Armee: ein plötzlich ausbrechendes Gewitter versorgte nicht allein die Römer mit Wasser, sondern es trieb auch (wie der spätere Bericht lautet» die Feinde durch Hagel und Feuer in die Flucht. Schon Tertullian beruft sich für diese Erzählung auf das eigene Ausschreiben des Kaisers, in welchem deshalb die Anklagen gegen die Christen mit schwerer Strafe bedroht seien; und wir selbst besitzen noch einen angeblichen Erlaß desselben, worin er den Vorfall mit allen seinen wunderbaren Nebenumständen erzählt, und aus Anlaß desselben verfügt: damit die Christen die wunderkräftige Waffe ihres Gebets nicht auch einmal gegen ihn wenden, so solle ihnen fortan gestattet sein, ihres Glaubens zu leben, niemand solle um seines Christenthums willen, wenn ihm sonst kein Verbrechen zur Last falle, bestraft, sondern vielmehr die Ankläger in solchen Fällen lebendig verbrannt werden. Indessen ist nicht blos dieses unglaubliche Rescript, wie dies heutzutage keines Beweises mehr LÄarf, untergeschoben, sondern auch mit seiner angeblichen Veranlassung verhält es sich anders, als die christlichen Schriftsteller die Sache darstellen. Das näm-