Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1866)
- Date
- 1866-07-03
- Page
- Seite 420 (sequence 2)
- Language
- German
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420 Laune gerade beabsichtigen, sondern mit einer genauen Kenntniß der Religion auch einen warmen Eifer für diese mitbringen, und ihr pädagogisches Streben auch auf diese richten muffe. In beiden Momenten sind aber in der Regel die jüdischen Gouvernanten sehr schwach. Es kann uns dies nicht auffallen. Bekanntlich hat sich das ganze jüdische.Lehrerwesen autonom und autodidaktisch aus dem früheren Verfall vom Ende des vorigen Jahrhunderts an herauszuarbeiten gehabt. Erst in den letzten Jahrzehenden sind einige jüdische Lehrerbildungsanstalten, immer aber noch sehr spärlich, und nur einige zweckmäßig eingerichtet und genügend ausgestattet, entstanden, und die Lehrer gesetzlichen Prüfungen unterworfen worden. Die Mehrzahl der jüdischen Lehrer geht noch jetzt aus den gewöhnlichen Schulanstalten hervor - und macht sich selbst zu Lehrern oder sie besuchen als Hospitanten christliche Seminarien, die mit geringen Ausnahmen streng confessionell nach den verschiedenen Kirchen sind. Hoffen wir, daß jene jüdischen Lehrerbildungsanstalten an Zahl immer mehr zunehmen und an innerem Werthe wachsen werden! Was aber nun die jüdischen Gouvernanten betrifft, so stehen wir hier noch auf ganz naivem Standpunkte. Für die Ausbildung derselben ist noch gar nichts geschehen. Nun ist dies zwar hinsichtlich des profanen Wissens weniger empfindlich, da hierfür die Gelegenheiten fich auszubilden, fast bis in den kleineren Städten vorhanden. Schlimmer ist es schon in Bezug auf Pädagogik und Methodik, da es auch an christlichen Lehrerinnen- Bildungsanstalten noch sehr mangelt, und die meisten Gouvernanten haben von beiden wenig Begriff, und lehren und erziehen empirisch, wie sie gelehrt und erzogen worden sind. Am schlimmsten aber sieht es mit der religiösen Bildung und den religiösen Kenntnissen für die jüdischen Gouvernanten aus, da selbstverständlich hierfür auch auf den wenigen Lehrerinneninstituten nichts gethan wird.' Die meisten jüdischen Gouvernanten, wenn sie nicht Töchter jüdischer Lehrer und Rabbinen sind, gehen aus Familien hervor, welche früher vermögend gewesen und ihre Kinder sorgfältig unterrichten ließen, später aber in besitzlicher Beziehung heruntergekommen. In derartigen Familien waltet nur selten ein solches religiöses Leben vor, daß die Töchter davon erfüllt und mit einem bedeutenderen religiösen Wissen versehen wurden. Selbst an den Orten, wo bereits Religionsschulen vorhanden sind, werden diese von den Mädchen zu früher Lebenszeit verlassen — müssen sie doch für das profane Wissen, besonders Musik und Sprachen mehr Zeit gewinnen! Was sie also dort gelernt haben, ist von sehr bescheidenem Maße, und wird in den nächsten Jahren fast ganz vergessen. So tritt nun die jüdische Gouvernante in ihr Amt ein; sie mag ganz hübsch französisch und gar auch englisch parliren, einen ganz guten deutschen Aufsatz schreiben, übersichtliche Kenntnisse der Geschichte und Geographie besitzen, in Handarbeiten recht geschickt und geschmackvoll, in der Musik befähigt, von guten äußeren Manieren sein; auch wollen wir ihr den Eifer für ihre Pflichten durchaus nicht absprechen. Aber was ist sie als Jüdin? Die Bibel kennt sie nicht, das Gebetbuch ist ihr ein verschlossenes Buch, die Geschichte Israels dämmert ihr noch vor, die Religionslehre ist ihr noch in einigen Lehrsätzen des Katechismus oder des Consirmandenunterrichtes gegenwärtig, von der Liturgie weiß sie so gut wie gar nichts, und sie wüßte kaum einige Rechenschaft über die Bedeutung der Feste und Ceremonieen zu geben, sie kann vielleicht noch etwas hebräisch lesen, doch geht dies nur stammelnd vor sich. Ihres Geistes ganze Richtung ist auf das Profane und Aeußerliche hingewendet, und es möchte kaum in ihr das Bewußtsein vorhanden sein, daß eine jüdische Erziehung noch etwas Anderes enthält, als ein paar allgemeine Religionssätze und vielleicht noch die Zehn Gebote. ... Wir glauben, daß dieser Zustand für das Judenthum im Ganzen viel schädlicher ist, als wenn diese oder jene religionslose Familie eine christliche Gouvernante nimmt. Wir glauben nicht, daß wir zu schwarz gemalt, und machen auch die jungen Israelitinnen, die sich dem Erziehungsfache gewidmet, durchaus nicht verantwortlich dafür. Es wäre auch wahrlich eine Sünde, diesen jungen Damen, die schon genug schweren Stand im wirklichen Leben haben, noch Vorwürfe zu machen, und sie in der Achtung herabzusetzen, die sie verdienen, und die ihnen \ zur Aufrechthaltung ihres Muthes und ihrer Kraft so nörhig ist. Unsere Worte sind vielmehr in das Allgemeine gerichtet, auf daß diesen Mängeln abgeholsen, und auch für diesen, sehr wichtigen Gegenstand gesorgt werde. Man weiß, daß in den meisten Familien, welche Gouvernanten halten, diesen die ganze Erziehungssorge aufgetragen wird, und Väter und Mütter wenig Zeit und Lust haben, sich weiter darum zu kümmern; daß gerade in diesen Familien Wille und Gelegenheit fehlt, die Kinder an anderweitigem Religionsunterrichte Theil nehmen zu lassen; und daß endlich gerade diese Familien zumeist, zu den höheren Elassen..gehören, wo es am meisten Noth