Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1866)
- Date
- 1866-06-26
- Page
- Seite 411 (sequence 9)
- Language
- German
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411 und Passau Bierkrawalle, in einigen kleinen Städten Unterfrankens Judenkrawalle stattgefunden , hat unsere Bischofsstadt den Ruhm, zuerst beide Erscheinungen vereinigt zu Haben. Schon im Laufe der letzten Woche riefen wiederholt Maueranschläge zu Judenhetzen, und vorgestern war allgemein das Gerücht in der Stadt verbrettet: am Sonntag sollten Brauer^ und Juden gezüchtigt werden; gleichwohl waren keine Vorbereitungsmaßregeln getroffen, wenigstens keine sichtbaren, die den Haufen hätten einschüchtern können. So brach denn der Lärm zuerst als Bierkrawall gegen 5 Uhr Abends los. — Mtt Einbruch der Dunkelheit erscholl der Ruf zur Judenhetze. Nun wandte sich die Menge, jetzt nur aus Civilisten bestehend, gegen zehn biszwanzig wirklich-oder vermeintlich von Juden bewohnte Häuser in allen Theilen der Stadt und hauste furchtbar. Das Pflaster wurde aufgerissen und Thüren, Laden, Fenster und Mobilien in allen Stockwerken, gleichviel ob von Juden oder Christen bewohnt, zerstört, Schlafende und Kittder entgingen nur durch Wunder den mehrpfündigen Steinen, die noch im zweiten Stock Geräth und Bilder an der Gegenwand zerschlugen. Als aus einem so bestürmten Hause ein — wirkungsloser — Schuß fiel, würde das Hausthor erbrochen und nur ein Wunder rettete den Mann, auf den der Verdacht des Schusses sich warf, von der äußersten Mißhandlung. Die angesehensten Judenfamilien chatten das gleiche Schicksal mtt Persönlichkeiten, welche das Gesindel des Wuchers zieh. Endlich erschien gegen IO3/* Uhr die viel zu spät durch Generalmarsch aufgerufene Landwehr; erst gegen 2 Uhr nach Mitternacht gelang es, die Ruhe wieder herzustellen. — Mtt Ausnahme eines unterdrückten Auflaufs vor einem Judenhause blieb heute (12.) in Folge kräftiger Vor-, kehrungen Alles ruhig. Preußen. waltig gegen alle „Reformer" los, obgleich er, was ich verbürgen kann, vor ganz kurzer Zeit sich bei einem Freunde des Dr. Geiger um eine Anstellung eifrigst beworben hat. Oder halten Sie dieses Obgleich, wenn auch für logisch, doch nicht für psychologisch, da es in letzterem Sinne eigentlich „weil" heißen sollte. Wie " dem auch sei, charakteristisch ist es genugsam, und wir wünschten nur, daß diese außerordentliche Geschmeidigkeit unter den jüngeren Theologen nicht allzuhäufig anzutreffen sei. — Consequenz kann man gewissen Kreisen nicht absprechen. In Stallupönen wurde eine Urwähler-Versammlung abgehalten, um die Wiedererwählung der früheren Landtagsabgeordneten zu bewirken. Der Landrath Riemer mischte sich in die Sache hinein und wollte dem Vorsitzenden Weisungen ertheilen. Dieser wollte denselben keine Folge leisten und jener löste deshalb die Versammlung auf. Dies sind Dinge, die an vielen Orten schon geschahen. Aber der Vorsitzende war diesmal zufällig ein Jude und nun hoben die conservativen Blätter hervor: „Die Versammlung wurde von einem jüdischen Rentier Alexander gelettet." Die liberalen Blätter drucken es dann so nach. Was die Religion mtt der Leitung einer Urwählerversammlung zu thun hat, sieht Niemand ein; aber die Reactionäre haben doch immer ihre An- und Absichten für sich. Aus Westfalen, im Juni. (Privatmttth.) Es ist gewiß traurig, wenn die Einberufung zu den Waffen die Schulen schließt; daß aber das religiöse Leben in vielen Gemeinden gefährdet wird, muß höchst bedenklich erscheinen. Die Geistlichen christlicher Confession sind vom Kriegsdienste frei, einer solchen Rücksicht müssen sich die isr. Gemeinden auch erfreuen. Werden - die isr. Lehrer einberufen, so ist nicht nur die Schule verwaist, sondern wo sie auch als Cultusbeamte fungiren, auch der öffentliche Gottesdienst gestört. Fälle der Art liegen hier in Westfalen mehrfach vor. — Berlin, 12. Juni. (Privatmttth.) Die erforderliche Zweidrittelmajorität in der Repräsentanten-Bersammlung soll jetzt für die Berufung des Hru. Dr. Geiger gesichert sein. Die orthodoxe Fraktion der Gemeinde hat sich unter dem Titel Schochre hatob als besondere, wenn auch nur Privatgemeinde, constituirt und sich einen Prediger in der Person eines Herrn Nascher bestellt. Dieser Mann schimpft nun gar ge¬ Wenn die Reclamationen seitens dieser oder jener Gemeinde vor der landräthlichen Behörde sä acta gelegt worden, so kann das nur geschehen sein, weil man betreffenden Orts nicht gehörig aufgeklärt ist über die cultuellen Functionen der meisten israelitischen Lehrer. — Es möchte sich daher empfehlen, wenn diese Angelegenheit von den betroffenen Gemeinden und mehreren Rabbinen gemeinsam in Erwägung gezogen