Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-26 · Heft 26 (26.6.1866) · p. Seite 409

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 26 (26.6.1866)
Date
1866-06-26
Page
Seite 409 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226554--24061-3251398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des Gedankens-zuerst eröffneten, welche seitdem vom Menschengeschlecht bearbeitet worden ist; wie sie fast jeden Stil der Dichtkunst und Prosa, welcher seitdem von den großen Geistern Unseres Geschlechts-cülttvirt worden ist, erfanden und vervollkommneten, wie sie den festen Grund zu-den wichtigsten Künsten und Wissenschaften legen und in -einigen Triumphe feiern konnten, an welche nichts Späteres heranreicht — das ist ein Problem, welches kein Geschichtsforscher, kein Philosoph bis Heute hat lösen können." Er fährt dann fort: „Je mehr wir aber die den Hellenen angeborene'Genialität bewundern, desto mehr müssen wir über die Unreife und Abgeschmacktheit dessen erstaunen, was uns als ihre Religion überliefert ist. Ihre ältesten Philosophen wußten ebenso gut wie wir, daß die Gottheit, um wirklich Gottheit zu sein, entweder vollkommen oder nichts sein muß — daß ihr Einheit, nicht Vielheit zukommt, daß sie keine Theile, keine Leidenschaften haben darf; dennoch glauben sie an viele Götter und schrieben ihnen allen und ganz besonders dem Jupiter, jedes Laster und jede Schwache zu, welche der menschlichen Natur zur Schande gereichen. Ihre Dichter haben fast eine instinktmäßige Abneigung gegen alles Uebertriebene, Maßlose und Ungeheuere; dennoch pflegen sie von ihren Göttern Dinge zu berichten,' welche die wildesten Rothhäute in.Schrecken und Schauder versetzen würden — wie z. B. Uranos von seinem Sohne Kronos verstümmelt wurde, wie Kronos seine eigenen Kinder verschlang und nach Jahren der Verdauung seine ganze Nachkommenschaft lebendig ausspie, wie Apollo, ihr herrlichster Gott, den Marsyas an einem Baume aufhing und ihn lebendig schund, wie Demeter, die- Schwester des Zeus, ein Stück von der Schulter des Pelops genoß, der von seinem eigenen Vater Tantalos geschlachtet und zum Festmahle der Götter gebraten worden war. Ich mag diese Liste schaudererregender Sagen nicht vervollständigen Und auch nicht bei Verbrechen verweilen, die sich gar nicht beschreiben lassen, Und die. doch die feingebildeten Griechen, wenn sie ihren Söhnen und Töchtern die Geschichte ihrer Götter und Heroen lehren wollten, ünverhüllt zeigen mußten." Dieses - Problem erfuhr nun verschiedenartige Lösungen. Die Einen glaubten, daß die Erzählungen von den Göttern, von den Belohnungen der Guten und den Bestrafungen der Bösen, von alten Weisen zur Besserung und geschickteren Leitung der Menschen erfunden worden seien. Andere glaubten, die Schöpfer-der Mythologie hätten dem Volke eine gewisse Kenntniß der Naturerscheinungen oder gewisse Ansichten über Physik beibringen wollen, so daß die Mythologie allegorisch zu erklären sei; später, wollte 'man -daher in den Mythologie die Ueberreste der alten Philosophie auffinden. Eine dritte Elaste von Auslegern betrachtete die Mythologie als historische Monumente und sah in den Göttergestalten historische Personen, in den Geschichten - über sie mythisch verarbeitete geschichtliche Vorgänge. Alle diese einseitigen Auffassungen weist 'Herr Prof. Müller ab. Aber er weiß an deren Stelle nichts weiter zu setzen/ als daß die Mythologie ein krankhafter Zustand sei, der sich des Organismus bemächtigt habe, aber gesündere Religionsbegriffe voraussetze, wie ein kranker Körper-stets Zeinen gesunden voraussetze. Hierin liegt nun der Widerspruch. Denn wie ein krankhafter Organismus solche Products der Philosophie, Wissenschaft und Kunst, der Poesie, Rhetorik und Politik, der Bildung und Ethik hervorzubringen vermöge, in welchen die Griechen alle Völker bis auf' den heutigen -Tag übertroffen haben sollenwie ein krankhafter Volksgenius eine solche durchaus gesunde Genialität zu erzeugen vermöge, das wäre kein neues Problem, sondern ist ein vollkommener Widerspruch, weil er eben eine völlige Unnatürlichkeit enthält'. Hierbei darf nicht vergessen werden, daß gerade zu der Blüthezeit des hellenischen Volkes und besonders in Athen selbst die mythologische Religion so in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen war, daß Jeder, der jene anzutasten wagte, den schwersten Strafen anheimfiel. Es ist bekannt, daß Anaxagoras wegen der moralischen und allegorischen Deutung der Götterfabeln 431 v. d. gew.Ztr. in Athen ins Gefängniß geworfen und nur durch Perikles vor dem Tode geschützt wurde. Ebenso wurde Protagoras aus Athen verbannt und seine Schriften öffentlich verbrannt, weil er gesagt, daß man nicht wissen könne, ob die Götter existiren oder nicht. Sokrates, der so vorsichtig mit den volksthümlichen Legenden umging, mußte wegen >des Verdachtes, in der Götterlehre nicht ganz fest zu stehen, den Märtyrertod erleiden. Es folgt daraus, daß Herr Müller seine Ansicht von dem krankhaften Zustande aufgeben, und eine andere Ansicht aufgefunden werden Muß. Diese aufzustellen , ist hier nicht der Ort. Wir wollten nur constatiren , daß alle diese neuesten Untersuchungen nicht ohne gewisse Resultate sind, diese jedoch nicht so umfassend und evident sind, daß sie das Bild von den religiösen Anschauungen der Wen, wie es historisch feststeht, zu verdrängen und umzugesialten beanspruchen dürfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.