Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1866)
- Date
- 1866-06-19
- Page
- Seite 392 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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* sittliche Verschuldung zuzuschreiben, mit einem Worte, zu sagen, daß er dieses Mißgeschick durch seine Handlungs- 5 weise verdient habe. Denn oft genug bedeckt das Gewand des äußerlichen Glückes ein schlechtes und verderbtes Herz. Die Wege Gottes sind nicht so einfach und übersichtlich, daß wir sie, wie ein Schüler sein ABC aus der Fibel, aus dem Leben herauslesen können. Wo aber über ganze Völker, über große Theile des ganzen Menschengeschlechtes sich Nebel und Leiden ergießen — da geziemt es wohl, ernste Erwägung daran zu knüpfen und die Lehren sittlicher Würde in das allgemeine Bewußtsein zurückzurufen. Es ist nicht zu verkennen, daß unsere Zeit an der Gier nach Erwerb, besonders nach mühelosem, raschem und übermäßigem Erwerb leidet — die große Lehre, daß der Erwerb immer nur einen flüchtigen Besitz verschafft^ der so leicht wie er gekommen, wieder zerrinnt und dem Menschen niemals eine sichere Stütze des Lebens gewährt — diese wird jetzt wieder einmal Zahllosen in bitterer und schmerzlicher Weise eingeprägt. Vor dem Besitz von Reichthümern verschwand die Achtung vor den geistigen Gütern des Menschen, vor Religion, Wissenschaft und Kunst, vor Sittlichkeit, Geistesbildung und Gelehrsamkeit allzusehr, und nur der Werth dessen, was sich verwerthen läßt, wurde geschätzt. Jetzt stellt es'sich einmal Vielen und Vielen wieder so recht lebhaft vor die Augen, daß der wahre Kern des Menschendaseins doch wo anders gelegen sei, als in den äußeren Gütern, und dauerhaftes Wesen und dauerndes Glück durch den äußeren Besitz nicht geschaffen werden. Wie viel wurde gegen den wachsenden Luxus, gegen die steigende Genußsucht, namentlich gegen die Zügellosigkeit und Sittenlosigkeit der Jugend gepredigt, selbstverständlich ohne tiesergehende Wirkung — die große Predigt, welche die göttliche Vorsehung durch ihr Geschick vor dem Angesichte unzähliger Menschen vorträgt, wird von einschneidenderem Einfluß sein, und der Zwang zur Einfachheit, Einschränkung und Zucht wird auch die Sitte und das allgemeine Leben in engere Grenzen zurückführen. Wie viele werden froh sein, wenn sie nur die Mittel übrig behalten, die Kraft und die Gelegenheit, um in kleinem Maße wieder anfangen und .mit bescheidenen Erfolgen sich mühsam wieder heraufarbeiten zu können. Darin liegt aber der Trost, daß sie hierbei sich oft glücklicher fühlen iverden, als in dem früheren Rausche schwindelnder und schwindeliger Betriebsamkeit. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Homburg v. d. Höhe, 28. Mai. (Privatmitth.) Die Zustände der hiesigen Gemeinde sind von der traurigsten Art, und betrüben um so mehr, als die Aussicht des Besserwerdens in eine neblige Ferne gerückt ist. Die Ursache liegt in zwei Gebrechen, deren Heilung bei dem besten Willen der Gemeinde nicht möglich ist. Unser Vorstand nämlich ist nicht aus den Wahlen der Gemeinde hervorgegangen, sondern von der Regierung octroyirt, und ergänzt sich selbst. Er ist also so langlebig, wie die hiesige Spielbank, vielleicht aber noch langlebiger, da sein Privilegium unbegrenzt scheint. So viel Ehrliebe, freiwillig zurückzutreten und der Gemeinde die Wahl zu überlassen, besitzen aber diese Herren nicht. Dies ist das Eine; das Andere ist: ein Mitglied des Vorstandes, Herr K. R., recipirte den hyperorthodoxen Religionslehrer Fromm, die andern Vorsteher machten den Fromm trotz des Protestes des K. R. zum Rabbiner, und die Regierung zum Präses, wo dann die erste Handlung die Ausstoßung des K. R. aus dem Vorstande war. In Folge dessen liegt nun Alles darnieder; die religiöse Erziehung unter der Herrschaft, der auf ihre Frömmigkeit so stolzen Hyperorthodoxie ist völlig verwahrlost; der Gottesdienst so beschaffen, daß die Curgäste ihm nicht beiwohnen mögen. Wenn nun auch der Vorstand der Gemeinde eine Anleihe von 40,000 Gulden octroyirt hat und dafür eine Synagoge mit vier Thürmen baut, während doch schon einer genug wäre, um die aus 130 Familien bestehende Gemeinde als ein „Babel" zu bezeichnen: so können wir der Vollendung doch nicht freudig entgegensehen, denn der Reichthum der äußeren 'Umgebung wird die Armuth des inneren Lebens nur um so fühlbarer machen. — In diesen Tagen wurde in der Synagoge auch eine Trauerfeierlichkeit gehalten, die aber wenig Theilnahme fand und ihrer Beschaffenheit nach wecken konnte. Bisweilen ist es doch gut, daß das Publikum nicht versteht, was da vorgetragen wird. Sonst würden sich die Zuhörer, doch von dem alten Gebete für den Landesfürsten, das in der That mehr als Siegeshhmnus auf ein Schlachtfeld gehört, und in wel-