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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-19 · Heft 25 (19.6.1866) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 25 (19.6.1866)
Date
1866-06-19
Page
Seite 391 (sequence 5)
Language
German
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Kux in sehr schwachem Maße bestehen könnte, daß Production und Consumtion ohne den Credit nur sehr geringe Ausdehnung erlangen , könnten. -Sollte jeder Industrielle, Fabrikant, Kaufmann und Landwirth, Handwerker, Rheder u. s. w. nur auf ihre eigenen Besitzverhältnisse beschränkt sein, so würde nur ein sehr geringer Theil des vorhandenen Vermögens in der Industrie thätig sein, und ein ungeheuer großer Theil brach liegen; es wäre, wie wenn von einem ungeheueren fruchtbaren Boden nur ein kleiner Theil bebaut, der andere unbearbeitet gelassen würde. Aber es ist ebenso daraus ersichtlich, daß dieser unbegrenzte Credit auch die nachtheiligsten Folgen haben kann.. Die Staaten werden dadurch veranlaßt, alle Grenzen einer weisen Oekonomie zu überschreiten, und, wenn die vorausverzehrte Zukunft Gegenwart wird, den allgemeinen Bankerott herbeizuführen, für die vorhandenen Werthe, die sie consumiren, gar nicht existirende Werthe aufzudrängen, die sich nach und nach als solche erweisen-müssen. Der allzuleicht gewährte Credit veranlaßt Ueberproduction und gehaltlose Speculation, die wiederum die Entwerthung der vorhandenen Werthe nothwendig nach sich ziehen. Die Folge ist dann ein Zu- . stand, in welchem irgend ein starker Impuls eine Stockung und eine Entwerthung verursacht, durch welche sofort der Credit einen allgemeinen Bruch erfährt, weil er eben so allgemein, so ausgebreitet, so von Einem zum Andern übertragen ist, wie alle Glieder einer elektrischen Kette von demselben elektrischen Strome getroffen und geschlagen werden. Sofort fährt der Sturm über die ganze industrielle Gesellschaft hin, und vom geringsten Krämer bis znm größten Fabrikanten und bedeutendsten Financier, von dem kleinen Rentner bis zum Millionär empfindet Alles die Folge, weil alles Vermögen, wie es auch angelegt ist, ungeheure Verluste erleidet, der Industrie die Circnlation ihres Blutes fehlt, der Absatz sich auf das Minimum redücirt. So stellt sich uns das Bild klar hin. Wir erkennen das Uebel; aber indem wir es in einem nothwendigen Element unseres materiellen Lebens liegend finden, und einsehen, daß das Uebel an einen Segen gebunden ist, der rmentbehrlich, ist die Antwort auf die Frage nach der Besserung und Vermeidung um so schwieriger, ja für den Verstand des Menschen, wir sagen nicht der Menschheit, sondern des in seiner Zeit lebenden und.doch nur eine kurze-Spanne Zeit überschauenden Menschen unlösbar. Wir sehen ein, daß jeder solcher Impuls einer allgemeinen Stockung und Entwerthung mit aller Kraft zu verhindern ist, und da wir also drohende und eintretende Kriege als einen besonders nachhaltigen dieser Impulse erkannt haben, so muß sich das allgemeine Streben hiergegen richten. Wir sehen aber auch ein, daß die Wurzel des Uebels in dem übermäßigen, verschwenderischen Credit besteht, und können nun wohl hoffen, daß die Menschheit mit der Zeit auch hiergegen angemessene Mittel, größere Ordnung und Regelmäßigkeit, eine weise Beschränkung finden wird, müssen aber eingestehen, daß jedes Klügeln und Erkünsteln, jeder Zwang und jedes willkührliche Gesetz nur nachtheilig und unzulänglich wirken können, wie sich Wuchergesetze, Monopolien und Privilegien niemals ausreichend, aber jedes Mal gerade den gesunden Umlauf hemmend erwiesen haben. Es stehen sich in der menschlichen Gesellschaft zwei Systeme gegenüber: der Zwang und die Freiheit. Der Zwang untersagt allen Credit oder beschränkt ihn auf das geringste Maß. Er hat in einigen einzelnen Völkern, z. B. bei den Spartanern, für den Bestand des Volkes gewirkt; aber er ist unmöglich, sobald die Nation aus ihren engen Grenzen heraustritt, und erstickt, bis er selbst erstickt wird. Die unbegrenzte Freiheit bringt unendliches Leben hervor, aber dieses wuchernde Leben überspringt das Maß seiner Kräfte, verschwendet dieselben, und erschöpft sie dadurch. .Bei der Ohnmacht des Zwanges gegen die Freiheit möge man niemals den Versuch erneuern, diese durch jenen begrenzen und regeln zu wollen, sondern man kann sich nur mit der Erwartung beruhigen, daß die wiederholten bitteren Erfahrungen den kühnen, leichtsinnigen Jüngling von selbst zum sittlichen Ernst, zur Mäßigkeit und Ordnung des Mannes führen werden. — Wenn das mosaische Gesetz den Zins innerhalb des israelitischen Volkes v'erbot, im sechsten Jahre alle Schulden annullirte, im fünfzigsten Grundbesitz und Freiheit einem Jeden zurückgab und Verleihen nur zu einem Acte der Wohlthätigkeit machte, so war dies nur für das innere Leben eines einfachen Ackerbauvolkes berechnet, und das mosaische Gesetz selbst läßt nach außen hin unbedingte Freiheit. Bei dem unbegrenzt erwachsenen internationalen Verkehre aller Völker ist es also diese unbedingte Freiheit, welche auch aus dem mosaischen Gesetze als Princip fließt. — Doch verlassen wir den Gegenstand nicht, ohne noch eine Betrachtung anderer Art zu machen. Wenn einen Einzelnen ein Mißgeschick trifft, so ist es ungerecht, und gegen die Lehren unserer Religion, ihn dafür sittlich verantwortlich zu machen, ihm unter jeder Bedingung die

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