Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1866)
- Date
- 1866-06-19
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
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Kriegsrüstungen in Deutschland und Italien. Die großen Handelskrisen, selbst die von 1857 verschwinden dagegen zu Nichts. Die Creditverhältnisse hörten augenblicklich auf, alle Effecten wichen ein Drittel unter ihren Cours, Zahlungen werden nicht mehr geleistet, Wechsel auf die besten Häuser nicht mehr escomptirt, Detail-und Engroshandel hat aufgehört, die solidesten und ältesten Häuser fallen, vergebens kämpfen die entschlossensten und aufopferndsten Männer dagegen an — wie bei einem Erdbeben Alles, was nach den Gesetzen der Schwere und des Gleichgewichts ausgerichtet ist, schwankt, Riffe bekommt und zusammenstürzt, die festgegründeten Thürme, die stärksten Mauern, Paläste, Häuser, und Hütten — solch einen Anblick bietet die europäische Industrie in diesem Augenblicke dar : Alles ist in der Auslösung begriffen, das Chaos in diesem wichtigen Theile des gesellschaftlichen Lebens ist da. Bis jetzt tröstet sich Mancher, daß, wenn erst der Krieg wirklich ausgebrochen, und die Entscheidung da sein wird, die Verhältnisse sich bessern werden. Wir glauben, dies ist eine eitle Hoffnung. Solche unermeßliche Schäden können erst durch langen und allseitigen Frieden wieder hergestellt werden. . Ist das Erdbeben vorüber, stehen die Mauern nicht wieder auf, und die Ruinen richten sich nicht wieder empor, sondern des Menschen Hand muß aus dem weggeräumten Schutte in langer, langer Zeit durch unermüdliche Arbeit ~ die zusammengestürzten Bauwerke wieder aufbauen. So wie die Uebel und Nöthen, welche der bevorstehende Krieg, ehe er eingetreten ist, bewirkt hat, bei Weitem größer sind, als die augenblicklichen und örtlichen, die ihm unmittelbar entfließen, so werden auch die Folgen seine Dauer lange überragen, lange empfunden werden, wie die Auen und Felder, welche eine plötzliche Überschwemmung mit Sand und Gerölle bedeckt hat, viele Iahrzehende die Spuren der Verwüstung tragen. Es ist nothwendig, daß die Menschheit sich dies zum Bewußtsein bringt und-diesem Bewußtsein einprägt, denn leider sind die Völker noch naiv genug, auch die schwersten Erfahrungen schnell wieder zu vergessen, und vor der Freude des Wiederausblühens sich der Hand des Verwüsters nicht zu erinnern,'auch wenn sie immer wieder über ihnen schwebt. Dennoch hat diese große, in das Schicksal von vielen Millionen Menschen eingreifende Angelegenheit noch etite‘ andere Seite. Man frägt, welche ist die Ursache? Worin liegt es, daß die bloße Befürchtung des Krieges eine so tiefe und nachhaltige Erschütterung bewirken konnte? Man sagt sich, ein Organismus, der durch einen ersten Schlag so niedergeworfen werden konnte, muß vorher schon krank-gewesen sein, so empfindlich, so reizbar, daß ihn die erste starke Berührung mit Fieberschauern durchfuhr.- Untersucht aber ein Arzt ein Uebel, so frägt er, in welchem System des Organismus hat es seinen Sitz? Und darin liegt dann auch die Ursache, das Causalmoment. Das Leiden hat seinen Sitz im Nervensystem, so war auch das Nervensystem krankhaft vorgebildet. Was ist nun im. industriellen Leben der civilisirten Welt so lies erschüttert? Der Credit — so muß auch im Credit die Ursache des Leidens liegen. Er muß so übermäßig entwickelt, so unverhältnißmäßig angespannt gewesen sein, daß er einen ernstlichen Angriff nicht vertragen konnte. — Der Credit, wie er sich, in der neueren Zeit entfaltet hat, hat einige Aehnlichkeit mit dem Comrnunismus. Er macht alles Vermögen, allen Besitz zum Gemeingut. Er nimmt von > dem, der hat, und giebt es dem, der nicht hat und es zu seiner Thätigkeit braucht. Aber indem er nicht auf Zwang, nicht auf mechanischer Vertheilung nach der Kopfzahl, sondern auf freiem Willen und. auf der Qualität beruht, unterscheidet er sich vom Communismus und ist naturwüchsig, während dieser gemacht, ist befruchtend und segensreich, während dieser schädlich und vergiftend ist. Aber darum-kann doch auch er eine nachtheilige Vermehrung und Richtung annehmen, bis daß das verborgene Uebel zum offenen Schaden ausbricht. Wer jetzt Vermögen hat, und es nicht selbst zu industriellen Zwecken verbraucht, der legt es in Wertheffecten, in Hypotheken oder beim Bankier ein; zum Theil macht er sich durch Actien zum Theilnehmer an industriellen Unternehmungen. In allen diesen Fällen hat er sein Vermögen auf Credit Anderen hingegeben. Er hat dabei Zweierlei im Auge, die Sicherheit und den Ertrag. Beide halten sich aber die Waage; die größere Sicherheit ist in der Regel mit geringerem Ertrag, der größere Ertrag mit geringerer Sicherheit verbunden. Der Unterschied , der sich nun hierin vorfindet, ist, daß der Staat bei seinen Anleihen nichts Anderes thut, als seine zukünftigen Einnahmen im Voraus verbraucht; unfundirtes Papier repräfentirt sogar Werthe, die überhaupt gar nicht vorhanden sind. In allen anderen Fällen fließt das Anderen vertraute Vermögen in industrielle Unternehmungen über; der Bankier vertraut es den Fabrikanten und Kaufleüten an; der Fabrikant seinen Abnehmern, der Grossist den Detailisten, und diese ihren Kunden. ' Man ersieht hieraus, daß die Industrie.ohne den Credit